Die Empirie zur Schwärmerei oder warum ich sowieso nach Heiligendamm fahre
1. Juni 2007Eva von Redecker
Während die Diskussion darum, ob es richtig ist, nach Heiligendamm zu fahren inzwischen sehr fortgeschritten ist [link 1, link 2 und link 3], möchte ich in letzter Minute noch einen Punkt dazu aufs Tablett bringen, warum es mir wichtig ist, nach Heiligendamm zu fahren. Ich werde mich dabei womöglich als irrationale Akteurin outen, wobei mir aber schwant, dass meine diffusen Motivationen sich letztlich doch in gute Gründe umsetzen lassen.
Ich fahre nach Heiligendamm, weil es mir Spaß macht. Ich fahre, weil ich auf der Suche nach einem bestimmten Gefühl, einer Stimmung, einer vagen Euphorie bin, die man vielleicht als schwärmerischem Optimismushunger bezeichnen kann. Oder als Weltverbesserbarkeitssehnsucht. Das ist eine Sehnsucht, über deren Herkunft ich mir nicht ganz im Klaren bin – es ist so eine Mischung aus dem Moment, wo man verstanden hat, dass die Eltern recht haben, wenn sie sagen, dass man die Ostereier mit der Schwester teilen soll, dem Moment, wo man mit erschrockenen großen Augen in der Grundschule einen Film darüber gesehen hat, dass in Afrika süße kleine Kinder nichts zu essen haben und dem Moment, wo man in überschwänglicher Verliebtheit zwischen zwei Küssen denkt, dass es noch schöner wäre, wenn die ganze Welt so glücklich wäre. Oder so ähnlich.
Ich möchte aber betonen, dass das etwas anderes ist, als Weltverbesserungssucht. Ich bin ziemlich zynisch, was die Bedeutung meines persönlichen Energiesparens oder Bio-Essens angeht. Ich tu’s, aber doch wohl mehr als privates „Dopium“ als im Vertrauen darauf, einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Beitrag wozu denn? Und genau darum geht es der Weltverbesserbarkeitssehnsucht: Anhaltspunkte, Anregungen, Argumente dafür aufzutun, dass überhaupt eine Änderung möglich ist. Es ist im Grunde eine riesengroße Neugierde. Ich will wissen, was da passiert. Natürlich ist es mir nicht völlig egal, wofür genau die Leute demonstrieren, aber viel mehr interessiert mich, wie sie so drauf sind. Es interessiert mich, wie sie sich benehmen. Ob sich irgendwelche Praktiken, Umgangsformen, Ausdrucksweisen abzeichnen, die mir neu vorkommen oder auf irgend eine Weise vielversprechend. Etwas, wo man anfängt, sich am Kinn zu kratzen und denkt: Mhm… darauf ließe sich vielleicht bauen. Mich interessiert, wie in den Camps die Kinderbetreuung und die Abstimmung über den Lärmpegel gehandhabt wird. Mir fällt auf, dass von den Kämpferinnen auf dem feministischen Aufrufsplakat eine im Rollstuhl saß. Ich finde es absolut faszinierend, wie in den Vorbereitungsgruppen über Foren und Mail-Verteiler ein basisdemokratischer Anspruch hochgehalten wird, in dem zu interagieren noch niemand genug geübt hat. Ich finde es bemerkenswert zu sehen, wie Berliner Hausbesetzer_innen ihren internationalen Gästen mit der Fürsorglichkeit von Super-Muttis und der Gründlichkeit eines Oberstudienrats erklären, auf welche Rechte sie sich in diesem Land berufen können (viele, zum Glück!) und wie die Versorgungskolonne nachfragt, wie viele Allergiker_innen und Veganer_innen zu berücksichtigen sind.
Und dann interessiert mich genau jene schwindelerregende Vielstimmigkeit der Meinungen und Parolen, die hier so viel diskutiert wurde. Ehrlich gesagt mache ich mir gar nicht allzu große Sorgen um inhaltliche Konsistenz. Das wird sich schon finden, wenn es überhaupt erst einen Rahmen gibt, die Positionen sinnvoll zu verhandeln. Dass sie schnell ins Idiosynkratische kippen, so lange ihr einziger Praxisbezug ist, auf Transparenten zu stehen, ist kaum verwunderlich. Und dennoch hat sich bei mir ein Eindruck verfestigt, der auf der diesjährigen Kreuzberger Maidemo entstand und sich beim Lesen der unzähligen Flyer, Aktionszeitungen und Webpages nicht gänzlich verflüchtigt hat: dass diese „Bewegung“ im Vergleich zu normalen linken Standards erstaunlich frei ist von ideologischer Behämmertheit. Manche beschreiben das als Theoriedefizit, mir erscheint diese gewisse Naivität, dieses bloße „so wollen wir nicht leben“ als eine sehr viel solidere Grundlage, um mit dem Denken anzufangen, als eine der vorfabrizierten Geschichtstheorien, die unter Weltverbesserern gewöhnlich so hoch im Kurs stehen. Und deshalb finde ich es so spannend, zu beobachten, was da weiter passiert. Wie es sich anfühlt, da in der Menge zu stehen: Ob die Weltverbesserbarkeitssehnsucht Material zu weiterer Konkretion geboten bekommt oder irgendwann entnervt ausschert, weil sie sich in keiner der skandierten Keifereien wiederfindet und mit keiner weiteren Einsicht nach Hause fährt als der, dass es so jedenfalls nicht geht, wenn sie auch weiter hofft, dass es vielleicht irgendwie anders geht.

wenn ich zeit hätte wären das genau die gründe, warum mich das ganze auch interessieren würde (nur mit ein bisschen weniger optimismus). freu mich schon darauf, hier demnächst von den ergebnissen deiner feldstudien zu lesen!
Hmm… ja… dieses Gefühl scheint mein Emotions-Chip auch zu kennen. Vielleicht sehen wir uns dann ja am Strand!