Archiv des Monats Juni 2007

Entrüstung 2.0

von Matthias Kiesselbach
Samstag, 30. Juni 2007

Kinder, Kinder, was ist da nur auf einmal los. Da zitiere ich einen Satz, mit dem sich ein bekannter Journalist über das Qualitätsniveau des politischen Kommentars in der deutschen Blog-Szene auslässt, und plötzlich ist die Hölle los (für mehr Reaktionen, siehe Kommentare des Vorgängerartikels). Das ganze ist interessant, da es auf offenbar blank liegende Nerven hinweist, und zwar auf beiden Seiten der Blogger-Journalisten-Demarkationslinie. Böswillige Beobachter könnten geradezu auf die Idee kommen, die Äußerungen Hans-Ulrich Jörges als eine Art self-fulfilling prophecy zu beschreiben. Aber das würde zu weit gehen: Es sind einfach nur alle empört. Angenehm empört, könnte man vielleicht sagen, denn sowas macht ja auch richtig Spaß.

Jörges hat bei seinen 1000 Reportern inzwischen übrigens seine Position klarifiziert: Worauf er sich mit dem “Dreck von unten” bezog, das waren “Hass, Vorurteil und Verächtlichmachung von Menschen in vielen Blogs – und das aus der Deckung der Anonymität”, mit anderen Worten: nicht etwa jeden einzelnen rechtschaffenen Privatblogger, sondern nur die wirklich unangenehme Fraktion. Ja, das kann sein, dass er das so gemeint hat, und es ist ja auch keine ganz unplausible Position. Ich jedenfalls bin geneigt, ihm das abzunehmen. “Antisemitismus, besonders massiv bei außenpolitischen Debatten, brauner Dreck”, all das ist natürlich ohne Frage eine übelriechende Masse, die wir nicht in unseren Wohnzimmern oder gar Redaktionsräumen haben wollen. Hatte Jörges das auch auf der Buchvorstellungsparty so gesagt? Nun — gemeint: vielleicht. Aber gesagt? Naja — wenn wir ihm das zugutehalten wollten, müssten wir wohl ein bisschen darüber hinwegsehen, dass dann das Bild der geschlossen zu haltenden Siele einiges an Klarheit verliert (oder gibt es da eine reale Gefahr, dass der Qualitätsjournalismus von jenen Gestalten infiltriert wird, die mir bislang entgangen ist?).

Die interessantere Frage ist und bleibt, wie die Rolle des Internets für den Journalismus insgesamt zu bewerten ist. Mercedes Bunz jedenfalls plädiert (sehr besonnen) für Gelassenheit im Umgang mit dem Internet und dafür, einen gewissen Strukturwandel des Journalismus durch die Möglichkeiten der Online-Kommunikation nicht immer nur negativ zu bewerten. Von einer Kommunikation zwischen Journalist und informiertem Leser auf gleicher Augenhöhe können beide profitieren, sollte man meinen. “‘Loser Generated Content’? Gute Redaktionen werden sich Leserbeiträgen nicht verschließen – wieso auch.” Recht hat sie.

Nachtrag vom 3. Juli 2007: Wie Marie Naumann von Reader’s Edition mir freundlicherweise in die Kommentare des ersten Artikels schreibt, hat sich Hans-Ulrich Jörges jetzt dort zu Wort gemeldet und erwartungsgemäß viel Zustimmungswürdiges gesagt. Zudem erreicht mich die Nachricht, dass sich seit heute ein Gedicht dem Alphajournalismus widmet. Und ein Cartoon.

Warum Konservative Umweltschützer sein müssten

von Eugen Pissarskoi
Samstag, 30. Juni 2007

In den letzten Tagen breiteten sich in der Presselandschaft Nebelwolken voller Bedrohungsszenarien aus: Die Sicherheitslage sei »dramatisch wie nie zuvor«, lassen sich hochrangige Mitarbeiter des Innenministeriums vernehmen; der Staatssekretär im Bundesinnenministerium, August Hanning sagte, er fühle sich an die Situation im Frühsommer 2001 erinnert, „wo es auch diffuse Bedrohungshinweise gab, die sich dann ja auch im September aktualisiert haben“ und sieht eine ähnliche Lage im Augenblick; der Innenminister gestand zu, dass er Selbstmordanschläge für möglich hält.

Man könnte sich darüber auslassen, wie langweilig manche dieser Äußerungen sind (ach, Herr Innenminister, Sie halten Selbstmordanschläge wirklich für möglich? - Unglaublich), dass sie widersprüchlich anmuten (für die in der ZEIT zitierten Mitarbeiter ist die Lage dramatisch wie noch nie, für den Staatssekretär gab es sie hingegen schon 2001), dass sie schließlich unverständlich sind (um eine Äußerung wie „dramatisch wie nie zuvor“ zu verstehen, muss man wissen, wie die Sicherheitslage zuvor war – mir zumindest fällt dazu nichts ein; an das Frühjahr 2001 kann ich mich zwar erinnern, nicht aber an die damals herrschende Bedrohung). Ich möchte jedoch über etwas anderes schreiben, nämlich über den Umweltschutz.

Bevor ich jedoch auf mein eigentliches Thema zu sprechen komme, ein kurzer Nachsatz zu dem Nebel aus dem Innenministerium. Mit dem Verweis auf eine dramatische Sicherheitslage erscheinen bestimmte Maßnahmen als gerechtfertigt: Angefangen von der Zunahme der Polizei-Patrouillen, über strengere Kontrollen der Flughäfen und Grenzübergänge, bis hin zu Verabschiedung neuer Gesetze, welche die Vollmachten der Sicherheitsbehörden ausweiten.
Gerechtfertigt werden all diese Maßnahmen mit folgender Überlegung: Die Folgen eines möglichen Anschlages werden derart verheerend sein, dass wir alles Mögliche dafür unternehmen sollten, sie zu verhindern, selbst wenn wir nicht mit Sicherheit wissen, ob sie wirklich geplant werden oder nicht. Dieser Überlegung liegt ein Prinzip zugrunde: Wenn eine Handlung verheerende Konsequenzen nach sich zieht, sollen wir alles Mögliche dafür unternehmen, diese Handlung zu verhindern, selbst wenn wir nicht mit Sicherheit wissen, ob die Handlung geplant wird oder nicht. Nennen wir es das „Sicherheitsprinzip“.

Das Interessante am Sicherheitsprinzip liegt darin, dass es einem Prinzip aus der Umweltpolitik ähnelt, welches „Vorsorgeprinzip“ heißt: Wenn durch eine Handlung Unheil für die Natur oder menschliche Gesundheit droht, sollen Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden, selbst wenn die kausalen Beziehungen zwischen der Handlung und dem Unheil nicht wissenschaftlich gesichert sind.
Das Vorsorgeprinzip wird von Öko-Aktivisten gern angeführt, um für mehr Klimaschutz (die Folgen des Klimawandels können Unheil bringen, daher sollen Maßnahmen dagegen ergriffen werden, auch wenn wir nicht genau wissen, ob der Klimawandel stattfinden wird), gegen die Atomkraft, gegen die Gentechnik und vieles mehr zu argumentieren. Das sind allerdings politische Forderungen, denen kaum ein Konservativer zustimmt. Und das finde ich verblüffend: Wie kann ein rationaler Mensch, der an das Sicherheitsprinzip glaubt, nicht an das Vorsorgeprinzip glauben? Ich glaube, das geht nicht, da das Erste eine Instantiierung des Letzteren ist. Ergo muss jeder konsequente Konservative auch an das Vorsorgeprinzip glauben (Konservative glauben an das Sicherheitsprinzip qua ihr Konservativsein, das setzen wir mal voraus). Und wenn man an das Vorsorgeprinzip glaubt, ist es verdammt schwer, gegen den Klimaschutz, für die Atomkraft oder die Gentechnik zu sein. Deswegen haben Konservative, die gegen den Klimaschutz, für die Atomkraft oder die Gentechnik sind, zumindest problematische, wenn nicht gar inkonsistente Überzeugungen.

Kann man den Vorwurf auch umdrehen und die Öko-Aktivisten fragen, warum sie nicht an das Sicherheitsprinzip glauben? Und warum sie dann die Rechtfertigung für höhere Sicherheitsmaßnahmen nicht akzeptieren, wenn sie von der Richtigkeit des Vorsorgeprinzips sind?
In der Tat, wenn die Ökos lediglich an das Vorsorgeprinzip glauben, dann kommen sie nicht herum, auch das Sicherheitsprinzip zu akzeptieren. Daher glaube ich, dass es für die Umweltschützer sinnvoller ist, an das „liberale Vorsorgeprinzip“ zu glauben: „Wenn durch eine Handlung Unheil für die Natur oder menschliche Gesundheit droht, sollen Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden, selbst wenn die kausalen Beziehungen zwischen der Handlung und dem Unheil nicht wissenschaftlich gesichert sind. Die Vorsorgemaßnahmen dürfen selbst kein Unheil anrichten, das höher wäre als das zu verhindernde Unheil.“
Das liberale Vorsorgeprinzip impliziert lediglich das liberale Sicherheitsprinzip: Die Sicherheitsmaßnahmen dürfen selbst keinen verheerenderen Konsequenzen haben als die Handlungen, die durch sie verhindert werden sollen. Das liberale Sicherheitsprinzip rechtfertigt aber nicht ohne Weiteres die Verabschiedung von Gesetzen, die die Vollmachten der Sicherheitsbehörden erweitern. Denn es kann sein, dass dies den Rechtsstaat zunichte machen würde und der Niedergang des Rechtsstaates schlimmer ist als ein nicht vereitelter Anschlag. Nach dem liberalen Sicherheitsprinzip muss vielmehr zwischen dem Sicherheitsbedürfnis und anderen Werten wie beispielsweise Freiheitsrechte abgewogen werden. Daher muss ein liberaler Umweltschützer nicht alle Sicherheitsmaßnahmen unterschreiben.

Kehren wir lieber zu den harten Konservativen zurück, die an das Sicherheitsprinzip glauben: Das für mich Verblüffende ist, dass sie auch harte Umweltschützer sein müssten, da sie das Vorsorgeprinzip (und nicht lediglich seine liberale Abschwächung) akzeptieren müssten. In der Realität bin ich solchen Menschen jedoch nicht begegnet.
Vielleicht weil alle harten Konservativen gleichzeitig Egoisten sind? - Das würde erklären, warum sie das Sicherheits-, nicht aber das Vorsorgeprinzip in Bezug auf die Umweltpolitik akzeptieren: Bei der Sicherheit geht es um die Bedrohung für das eigene Leben, Umweltschäden werden hingegen primär spätere Generationen und auch südlichere Gebiete betreffen. Akzeptabler wird ihre Position dadurch aber nicht.

Schlechte gute Argumente und der Irakkrieg

von Matthias Kiesselbach
Freitag, 29. Juni 2007

Marge: There’s a man here who says he can help you.
Homer: Is it Batman?
Marge: He’s a scientist.
Homer: Batman’s a scientist.
Marge: It’s not Batman.
(The Simpsons)

Homer argumentiert gewissermaßen korrekt. Marges Antwort “He’s a scientist” lässt streng genommen die Möglichkeit offen, dass es Batman ist, der vor der Tür steht. Darauf weist Homer hin: Die Tatsache, dass der Mann ein Wissenschaftler ist, spricht nicht dagegen, dass es Batman ist. Also bleibt Homer bei der Überzeugung, mit der er angefangen hat: Batman steht vor der Tür. Es ist ein schönes, einfaches Beispiel dafür, dass gute Argumente ziemlich doof sein können, bzw. dass ziemlich doofe Argumente gute Argumente sein können; wie man will. Es zeigt, dass man mit formallogisch einwandfreien Schlüssen bescheuerte Konklusionen unterstützen kann, wenn man dringende andere Argumente gegen die Lieblingskonklusion völlig ausblendet oder unwichtig findet.

Eine etwas kompliziertere Instanz eines schlechten guten Argumentes findet sich im aktuellen Economist. Darin schreibt Tony Blair, was er in seiner Amtszeit gelernt hat. Natürlich beschäftigt sich ein großer Teil des Artikels mit der Rechtfertigung des Irakkrieges. Das ist an sich völlig in Ordnung: Vielleicht gibt es hier gute Argumente, die uns noch nicht bekannt waren. So sieht das auch das hochgeschätzte Talking Philosophy Blog, das tatsächlich etwas gefunden zu haben meint. Nämlich folgendes Argument von Blair:

It is said that by removing Saddam or the Taliban — regimes that were authoritarian but also kept a form of order — the plight of Iraqis and Afghans has worsened and terrorism has been allowed to grow. This is a seductive but dangerous argument. Work out what it really means. It means that because these reactionary and evil forces will fight hard, through terrorism, to prevent those countries and their people getting on their feet after the dictatorships are removed, we should leave the people under the dictatorship. It means our will to fight for what we believe in is measured by our enemy’s will to fight us, but in inverse proportion.
(siehe Economist, via Talking Philosophy Blog)

Julian Baggini von Talking Philosophy hält das Argument für schlüssig und interessant, aber keineswegs für eine hinreichende Rechtfertigung für den Irakkrieg. Das Argument drückt nur eine Seite eines echten ethischen Dilemmas aus: Auf der einen Seite muss es uns um unsere Prinzipien gehen (was hier bedeutet, uns von der Versicherung unserer Feinde, die Hölle auf Erden zu errichten, nicht übermäßig beeindrucken zu lassen); auf der anderen Seite muss es uns aber auch um die Konsequenzen unseres Tuns gehen (was, im gegebenen Szenario und auf kurze oder mittlere Frist bedeutet, nicht einzugreifen). Blair gibt ein Argument für den ersteren, den Prinzipien-Ansatz, indem er darauf hinweist, dass ein konsequenzialistisches Einknicken vor den Terroristen dieser Welt darauf hinausläuft, die wirklich krassen und verblendeten Bösen in Ruhe zu lassen und nur den Halb-Bösen das Handwerk zu legen. Damit übersieht Blair aber die andere Seite, nämlich die tatsächliche Wichtigkeit der Konsequenzen, und so zeigt sich für Baggini am Ende, dass weder der Konsequenzialismus noch die tugend- oder prinzipienbasierte Strategie à la Blair komplex genug sind für die wirkliche Welt.

Ich stimme mit Bagginis Analyse völlig überein. Es ist nur so, dass mir Bagginis Beschäftigung mit Blair viel zu zahm vorkommt. Jemand wie Blair weiß eigentlich ganz genau Bescheid über den Konflikt zwischen Konsequenzialismus und Deontologie (wie man es nennt). Blair selbst hat sich — das kann man wohl so sagen — mit völlig konsequenzialistischen Erwägungen entschieden, per Falschdarstellung über Saddams nukleare und militärische Ambitionen die militärische Intervention möglich zu machen. Damit hat er wichtige deontologische Erwägungen in den Wind geschlagen; allen Vorrang das Verbot, zu lügen. Blair sollte also ganz genau wissen, dass das Argument nicht ausreicht, um den Krieg nachträglich zu rechtfertigen. Was er braucht, das ist ein Argument, aus dem hervorgeht, warum es im konkreten Fall des Iraks besser war, den deontologischen Erwägungen ein größeres Gewicht zu geben als den konsequenzialistischen. Das ist es doch, was heute allerorten angezweifelt wird. Hält Blair sein Argument in diesem Kontext wirklich für überzeugend?

Kurzum: Wegen dieser offensichtlichen — und nicht, wie Baggini suggeriert, ganz und gar versteckten — Lücke kommt mir Blair ein bisschen vor wie Homer, der denkt, dass Batman gekommen ist, um ihm zu helfen. Da kann Marge sagen, was sie will. Für ihn ist und bleibt es Batman.

Alpha-Journalisten unter sich — Ein kleiner Bericht von der Buchvorstellung “Die Alpha-Journalisten”, mit einigen Alpha-Journalisten auf der Bühne und anderen im Publikum

von Matthias Kiesselbach
Mittwoch, 27. Juni 2007

“Die guten Redaktionen sollten ihre Siele geschlossen halten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt.” Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges ist in guter Form heute abend. Über die Blog-Szene, den “Dreck von unten”, lässt er sich ganz besonders gerne aus. Dazu hat er sich vor der Veranstaltung extra ein paar Worte zurecht gelegt, und die packt er jetzt aus, obwohl Moderator Hajo Schumacher ihn eigentlich etwas ganz anderes gefragt hat. Sein “loser generated content” erntet ihm prompt einen kleinen Szenenapplaus im Jungjournalistenpublikum, und Henryk M Broder schreibt sich diese neue Vokabel gleich ab - vielleicht kann er sie an passender Stelle auch mal anbringen. Die Stimmung ist gut. Die Journalisten haben jetzt auch einen Don Alphonso.

Obwohl Jörges nicht unrecht hat, was die Qualität des politischen Kommentars in der deutschen Blog-Szene angeht, lässt mich seine hysterische Abgrenzung gegen die Blog-Welt die Augenbrauen etwas hochziehen, zumal seine Tirade zwischen zwei längeren Episoden unangenehmer Selbstbeweihräucherung steckt. In der ersten erzählt Jörges mit Genugtuung von den Kampagnen der Bild-Zeitung und der Staatsanwaltschaft gegen ihn. Jörges hatte vor einiger Zeit die seiner Meinung nach extrem mutige These vertreten, dass 85-jährige Patienten ihre Hüfttransplantationen selber bezahlen sollten, und diese These mit Nazi-Anspielungen über die heutigen Rentner gewürzt. Für diese Story sollte Jörges nun, wie er lausbübisch erklärt, büßen. Natürlich hatten seine Gegner aber am Ende gar nichts gegen ihn in der Hand. Die Bild-Kampagne verpuffte trotz Nazirentnerpublikum, und die Ermittlung wegen Volksverhetzung wurde eingestellt. Jörges findet das alles super cool. In der zweiten Story lobt er sich selbst für seine Standhaftigkeit in einer anderen Kampagne gegen ihn (diesmal des Presserates und der taz), in der es um seine Stellungnahme zur Hartz IV-Reform ging. Er hatte vor etwa einem Jahr geschrieben, dass die Reform Züge des Kommunismus trägt, weil durch sie jeder erstens gleich viel und zweitens viel zu viel kriegt (“im günstigsten Fall fast 2000 Euro”). Auch dafür sollte er büßen etc. pp. Kurzum: Mutiger Kämpfer für die Freiheit des Wortes kämpft gegen dummen Mob; dummer Mob hat nichts gegen ihn in der Hand, Kämpfer gewinnt. Die alte Geschichte.

Ich hatte immer gedacht und gehofft, dass die Abgrenzungshysterie und die öffentliche Selbstliebe nachlässt, sobald eine gewisse Bekanntheit, ein sicheres Einkommen und ein bestimmtes Alter erreicht sind. Bei Jörges sind diese Züge noch so vital wie bei mir in der Vorpubertät. Zum Glück ist Jörges nicht der einzige Podiumsgast heute abend. Neben ihm sitzt Henryk M. Broder. Während ich Jörges bis heute eigentlich nicht wirklich wahrgenommen hatte, fand ich Broder immer nervtötend, viel zu eitel und oft im Dunklen tappend. Diese Meinung revidiere ich hiermit. Jedenfalls teilweise. Noch immer gefällt mir seine Pose des kontroversen Antizyklikers nicht. (Antizyklik ist kein gutes Ziel für einen Journalisten, allenfalls ein interessanter — aber nie dauerhafter — Nebeneffekt der Wahrheitsliebe.) Aber was auch immer die Motive seiner Äußerungen sind: Die Äußerungen selber sind gar nicht so schlecht. Jedenfalls heute nicht.

Von den Podiumsgästen Maybrit Illner, Hans-Ullrich Jörges und Henryk M. Broder ist jedenfalls Broder der einzige, der die Intelligenz besitzt, die alte Frage nach dem politischen Einfluss der Journaille endlich einmal anständig zu desambiguieren, bevor er sie beantwortet. Ist der “Einfluss” der Journalisten einfach ihr Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung: ihre Fähigkeit also, Begriffe zu prägen oder Diskussionen zu forcieren? Oder besteht “Einfluss” in der Fähigkeit der gezielten Erwirkung politischer Resultate? Ersteres haben Journalisten, aber das ist banal. Einfluss im letzteren Sinne dagegen haben Journalisten nicht - dafür ist die politische und intellektuelle Welt zu komplex. Broders Bild dafür ist zwar nicht ganz perfekt, aber es erklärt, was er meint: Man kann im Mosaik der Öffentlichkeit immer nur einzelne Steine austauschen und verschieben. Da aber alle möglichen Leute ähnliches tun, hat kein einzelner Journalist — überhaupt kein einzelnes Indiviuum — das Gesamtbild im Griff. Und somit keinen Einfluss auf das Endergebnis. Broder meint, dass es sich aus diesem Grund für den Journalisten eher gezieme, die Welt möglichst gut zu beschreiben, als journalistisch immer gleich ihre Veränderung anzustreben. Das kann man, so Broder, übrigens auch mit scharf evaluativen (im heutigen Jargon: “polemischen”) Thesen tun.

Man könnte nun diskutieren, welcher Einflussbegriff in politiktheoretischen Fragen der wichtigere ist, der Input- oder der Ergebnis-Begriff von Einfluss. Man könnte auch diskutieren, ob mit dem ersteren (scheinbar banalen) Einflussbegriff nicht doch interessante Dinge über den Journalismus als Stabilisator oder als Destabilisator der öffentlichen Diskussion gesagt werden könnten. Aber — man muss das wirklich so sagen –, dazu haben die anderen Bühnengäste das Argument Broders nicht gut genug verstanden. Maybrit Illner jedenfalls beginnt plötzlich einen kleinen, und doch langweiligen, Monolog darüber, wie sehr man als Journalistin dazu tendiere, die Zuschauer zu unterschätzen, und wie treffsicher das Urteil der “Menschen” (wie sie sagt) auch ohne Journalisten in Wirklichkeit sei, und so weiter und so fort. Dafür gibt’s übrigens einen kleinen Applaus. Jörges konfrontiert Broder damit, dass Broders journalistisches Agieren ihn selbst Lügen strafe: Wer wie Broder derartig pointierte Positionen vertrete, der will doch offensichtlich etwas verändern. Wie gesagt: Broders Argument wird nicht besonders gut verstanden. Leider versäumt es auch Broder, Jörges darauf hinzuweisen, dass evaluatives Vokabular und scharfe Thesen durchaus in deskriptiven Texten stecken können. Überhaupt zeigt sich die Zunft der Journalisten in puncto Argumentationsfähigkeit heute abend nicht von der besten Seite. Stattdessen gibt es viel Selbstzufriedenheit, ein bisschen Networking und reichlich Sprechblasen. Das ist wirklich schade, hätte das ganze doch eine interessante Selbstreflexion der “Alpha-Journalisten” werden können.

Doch die “Podiumsdiskussion” ist leider schon zuende. Dafür gibt es jetzt was zu essen. Das finde ich auch gut, denn eigentlich bin ich sowieso nur dafür in das italienische Restaurant gekommen, in dem diese ganze Journalistengeschichte stattfindet.

Insgesamt also nicht viel Neues aus der Ecke der Berliner “Alpha”-Journalisten. Auf jeden Fall kein besonders toller Vermarktungsstart des gleichnamigen Buches. (”Die Alpha-Journalisten”, hrsg. von Stephan Weichert und Christian Zabel im Halem-Verlag, rezensiert u.a. in der NZZ; Maybrit Illner über das Buch: “Kann man lesen, kann man aber auch sein lassen.”).

Nachtrag: Hier noch ein kleiner Kommentar zu den Reaktionen auf diesen Artikel und Jörges Klarstellung.

Noch ein Nachtrag, vom 3. Juli 2007: Wie Marie Naumann von Reader’s Edition mir freundlicherweise in die Kommentare schreibt, hat sich Hans-Ulrich Jörges jetzt dort zu Wort gemeldet und erwartungsgemäß viel Zustimmungswürdiges gesagt. Zudem erreicht mich die Nachricht, dass sich seit heute ein Gedicht dem Phänomen des Alphajournalismus widmet. Und ein Cartoon.

“Logik” als Kampfbegriff I: Mr. Spock’s “Highly Illogical” — Eine logische Analyse

von Christian Voigt
Dienstag, 26. Juni 2007

Der Vorwurf “unlogisch” zu sein wird im Alltag allzu häufig mißbraucht, um rationale Diskussionen zu untergraben und Machtansprüche in Diskursen durchzusetzen. Dieser Mißbrauch wird durch irreführende Vorstellungen darüber, was Logik sei, überhaupt erst möglich. Diese kleine Artikelreihe soll diesen Mißbrauch von “Logik” als Kampfbegriff näher untersuchen.

“From far beyond the galaxies I’ve journeyed to this place/To study the behavior patterns of the human race/And I find them highly illogical!”

Mr. Spock: Highly Illogical

Außerirdische sind bekanntermaßen unbeirrbare Besserwisser; sie sind felsenfest davon überzeugt, besser über die Menschheit Bescheid zu wissen als wir selbst. Ein besonders nervtötendes Exemplar ist Mr. Spock, der sich bei jeder Gelegenheit genötigt sieht, distinguiert mit der Augenbraue zu zucken und mit der Steifheit eines englischen Butlers anzumerken, wie unlogisch doch mal wieder gerade alles sei.

Man wundert sich schon, dass Kirk so geduldig damit umgeht. Man wünscht sich, dass er ihn einmal beiseite nehmen würde und so etwas sagen würde wie: “Junge, Junge, wenn alle anderen dir als Geisterfahrer entgegen kommen, solltest du vielleicht mal in Erwägung ziehen, ob du auf der richtigen Spur bist…” (Es ist natürlich klar, wie Meister Langohr darauf antworten würde: Er würde sofort damit anfangen, dass auf Vulkan alles besser, weil tausendmal logischer sei, so wie unsere Großeltern sich nicht davon abbringen lassen, dass früher alles besser gewesen und kleine Bären und Tiger sich nicht davon abbringen lassen, dass es Zuhause doch am schönsten sei.)

Leider fehlt dem Herrn Käpt’n aber das Quäntchen Intelligenz den Herrn Spock (der sowas wie sein großer Bruder ist) mal zur Seite zu nehmen. Stattdessen fällt er (und mit ihm die ganze Crew) immer wieder auf die total übertriebene Intellektuellenpose vom Vulkanier herein: Wenn der wieder mit dem Augenbrauenheben und Stirnrunzeln anfängt, dann denkt Kirk gleich, dass hinter dem Logikgelaber ja wohl tieferer Sinn stecken müsste und hält deswegen lieber dümmlich grinsend das Maul. (Man wünscht sich in solchen Momenten Picard herbei)

Noch schlimmer aber wird es, wenn der eingebildete Bescheidwisser auf den Schiffsarzt McCoy trifft. Denn statt dass dieser notorische Dickschädel mal dem außerirdischen Logikscharlatan die Maske herunterreisst, läßt er sich auf einen lächerlichen und vollkommen irreführenden Disput über Logik und die Irrationalität von Gefühlen ein. Nie aber kommt irgendeiner mal auf den Gedanken, Spocks rassistisches und diskriminierendes Urteil über die Menschheit in Zweifel zu ziehen; Der Mann ist außerirdisch, er muß es ja wissen.

Nun kann so eine Haltung in unserer Gesellschaft nicht verwundern. In allen möglichen Kontexten wird der Begriff “Logik” genau auf die gleiche Weise verwendet, wie der dröge Lulatsch von der Enterprise es tut. Nur — von der Zukunft hätte man sich ein bißchen mehr erwartet. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Artikel dazu beiträgt, dass wir aufgrund raumzeitlicher Turbulenzen oder ähnlichem Krimskrams in einem Paralleluniversum landen, in dem Mr. Spock durch die Logikaufnahmeprüfung für den Posten des Wissenschaftsoffiziers auf der Enterprise fällt.

Beginnen wir also mit der Arbeit. Leider wird uns aus der Zukunft kein einziges Zeugnis von Mr. Spocks logischer Expertise überliefert: Keine Habilitation, keine Promotion, kein Buch, kein Paper, ja nicht einmal ein populärwissenschaftlicher Artikel läßt sich zu dem Thema vom Autoren auftreiben. Alles, was uns zur rationalen Kritik seiner steilen Thesen zur Verfügung steht ist ein Beitrag zu einem Genre, das man von einem durch und durch emotionslosen Wesen nicht erwartet hätte: Überliefert ist einzig eine Audioaufnahme profaner Poesie, kein Gedicht, sondern der stümperhafte Versuch, einen Text halbwegs rhythmisch über im Hintergrund laufende primitive Unterhaltungsmusik zu sprechen. (All das sollte uns schon stutzig machen)

Der Song beginnt mit sphärischen Harfenklängen, wie man sie auf der Enterprise wohl allenthalben im Hintergrund hört. Dann setzt Spock ein. Wir dürfen ihn uns vorstellen, wie er an der Hausorgel der Enterprise sitzt und mit spitzem Finger die ersten kläglichen Töne produziert. Dazu spricht er mit einer Stimme aus der seine ganze stupide Überheblichkeit spricht: “From far beyond the galaxies I’ve journeyed to this place/To study the behavior patterns of the human race/And I find them highly illogical”

Man merkt, dass er unbedingt den wissenschaftlich klingenden Begriff “behavior patterns” unterbringen wollte, obwohl der sich beileibe nicht ins Versmaß bringen läßt. (Auch das ein Zeichen für unterschwellige Unsicherheit). Abgesehen davon ist die Einleitung nicht unerwartet: Spock möchte Autorität als Menschheitskritiker gewinnen, also verweist er darauf, dass er von ganz weit weg kommt, wo es keinen einzigen Menschen gibt. Das Schlußmuster ist so klar wie unplausibel: Je außerirdischer ein Wesen, desto besser weiß es über innerirdische Zusammenhänge Bescheid.

Länger hält es Spock nicht aus. Während ein weniger eingebildeter Außerirdischer sich vielleicht noch herabgelassen hätte, ein wenig von sich zu erzählen, so kann es Spock nicht abwarten. Man kann sich richtig vorstellen, wie er innerlich denkt: “Blabla blabla blabla: AND I FIND THEM HIGHLY ILLOGICAL!”

Der einfachen Enterprise-Hausorgel kann man noch zumindest den gescheiterten Versuch zu religiöser Ernsthaftigkeit unterstellen. Doch nun zeigt Mr. Spock seinen wahren Charakter: Während er seine pseudowissenschaftliche These heraustrompetet, müssen wir uns vorstellen, wie er sich von der Hausorgel erhebt und sich für den Rest des Songs zu einer Gruppe leicht- und engbekleideter Enterprisedamen der Marke Uhura begibt, mit denen er nun im Rhythmus der seichten “wilden Beatmusik” (so würde Spock das wohl als Musikkenner bezeichnen) auf alberne Weise mit dem Popo wackelt.

Doch wie sieht nun seine eigentliche Argumentation für die immer wieder auf Neue heraustrompetete These aus? Beginnen wir mit der ersten Strophe: Spock beginnt hier mit einem Beispiel aus dem Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen. Ein Menschenweib behauptet, dass ihr Partner all ihren Vorstellungen eines idealen Partners genüge. “Girl meets boy they fall in love/She says he’s everything she’s dreamed of.” Doch nach der Heirat scheint Madam es sich anders überlegt zu haben, denn zumindest was seine Kämmmethode angeht, ist sie nicht länger zufrieden: “But when they get married before he’s aware/She changes his habits the way he combs his hair.” Der Ehemann scheint sich sehr mit dieser Kämmmethode identifiziert zu haben, denn die Änderung macht ihn zu “someone he’s never been”. Und nun zu guter letzt beschwert sich die Ehefrau, die ihn zu dieser dramatischen Änderung zwang, auch noch dass er sich nicht wie andere Männer verhalte. Und natürlich kann sich Spock nun nicht verkneifen, seinen Senf dazu zu geben: “Now really I find this most illogical!”

Sehen wir einmal davon ab, dass die Wahl dieses absurden (das flache Sprachspiel sei erlaubt: an den Haaren herbeigezogenen) Beispiels alleine schon Beweis genug für die vollkommene Unkenntnis des Autors in Bezug auf “human behavior patterns” ist. Selbst wenn wir dieses Beispiel als paradigmatisch für menschliche Verhaltensmuster akzeptieren fällt auf, dass an diesem Beispiel nichts unlogisch ist.

Spocks Argumentation impliziert, dass eine Person, die behauptet, dass eine andere Person genau so sei, wie sie sich es von einem Partner erwarte, gleichzeitig damit ausschließt, irgendetwas an dieser Person verändern zu wollen. Was ist aber nun, wenn wir es — um das absurde Beispiel fortzusetzen — mit einem Weibchen zu tun haben, das nichts lieber macht, als die Kämmmethoden von seinen Männchen zu ändern? Ein solches Exemplar des homo sapiens wünscht sich natürlich einen Partner, dem seine Kämmmethode sehr wichtig ist. Und es ist klar, dass die Ehefrau nach der Heirat sofort mit ihrer Lieblingsbeschäftigung beginnt. Nichts daran ist irgendwie unlogisch. Es ist höchstens unsympathisch.

Stellen wir uns nun noch vor, dass dieses Weibchen nicht nur auf Männchen steht, an denen sie herumdoktern kann, sondern auch noch will, dass diese ihr möglichst viel Widerstand leisten. Das Männchen lässt aber alles ohne Protest mit sich machen. Also regt sie sich darüber auf, dass er kein richtiger Mann ist. All das ist weder inkonsistent noch unschlüssig. Erneut: Man kann der Dame höchsten vorwerfen, sich über ihren Ehemann getäuscht zu haben und man kann versuchen solchen Menschenexemplaren aus dem Weg zu gehen, wenn einem die eigenen Kämmgewohnheiten lieb und teuer sind.

Nun gut, auch wenn ein Argument für eine These nicht hinhaut, ist damit noch lange nicht die These widerlegt. Wie sieht es mit der nächsten Strophe aus? Spock wechselt nun von der zwischenmenschlichen auf die technische Ebene menschlicher Zivilisation. Er beginnt mit der durchaus zweifelhaften These, dass das Automobil die bedeutendste der menschlichen Erfindungen sei. “Take the case of your automobiles/Greatest invention since man discovered wheels”. In den nächsten Zeilen scheint er diese These begründen zu wollen: “Hydromatic overdrive four-on-the-floor/Pushbutton windows pushbutton doors/Double barreled carborators rush you anyplace.”

All das ergibt kein nachvollziehbares schlüssiges Argument, sondern ist vielmehr eine vollkommen wilkürliche Aufzählung von Autoeigenschaften. Aber akzeptieren wir einmal Spocks These, dass Autos die großartigste Erfindung aller Zeiten seien. Was hat das mit Logik zu tun? Spock gibt uns nur einen spärlichen Hinweis: “But you never can find a parking space” sagt er, eine zweifellos falsche, weil viel zu generelle und unpräzise Aussage, worüber wir erneut großzügig hinweg sehen müssen.

Der Form nach hat es den Anschein, als ob Spock uns erneut eine Inkonsistenz nachweisen wolle. Aber es ist überhaupt nicht einsichtig, warum Autos-Erfinden als Handlung inkonsistent mit Keine-Parkplätze-Finden ist. Wohlgemerkt: Spock will nicht zeigen, dass das Auto keine großartige Erfindung sein kann (denn er glaubt ja selbst aus dubiosen Gründen daran), weil es zu verstopften Großstädten geführt hat. Er will uns auch nicht zeigen, dass wir in mancher Hinsicht gar nicht so toll sind, wie wir vielleicht selbst glauben. Er will uns zeigen, dass wir inkonsistent handeln, weil wir keine Parkplätze finden können, obwohl wir das Auto erfunden haben. Und dieser Inkonsistenznachweis ist eindeutig ein non sequitur.

Zum nächsten Fall. Spock fordert uns wieder auf: “Take the case of modern man/He works all his life gives all he can/Saves all his money works overtime/Pinches every penny banks every dime.” Spock prangert nun also den Materialismus unserer Zeit an (was jeder Provinzpfarrer besser kann). Was ist falsch am Materialismus? “All he can think about is money but you know/That he can’t take it with him where he’s going to go/Now I find that fascinatingly illogical” Was ist hier das Schlussmuster? “Alles wonach man im Leben strebt, das man aber mit dem Tod verliert, sollte man aufgeben.” Spock als Asket mag das gefallen, als rein logisches Schlussmuster kann diese steile These aber kaum durchgehen.

Nun können wir gnädig sein und das Argument uminterpretieren: Stellen wir uns also einen Workaholic vor, der an nichts anderes denkt, als an Geld. Ein solcher Mensch wird nicht bemerken, dass er sein Leben vergeudet. Er täuscht sich darüber, wie man ein gutes Leben führt. Wir können das kritisieren, indem wir kritisieren, dass er die falschen Ideale hat, dass ihm Geld zu wichtig ist, dass er falsche Erwartungen hat. Allein: Die einzige Kritik, die vollkommen unangebracht ist, ist der Vorwurf der Inkonsistenz. Erneut haben wir es mit einem non sequitur zu tun.

Endlich kommen wir zur letzten Strophe, dieses von vorne bis hinten unstimmigen Pamphlets. Spock glaubt seiner wissenschaftlichen Aufgabe nun Genüge getan zu haben. Nun kann er sich selbst stolz auf die Schulter klopfen, die dummen, unlogischen Menschlein verachten und sich selbst für den allergrößten Logiker im Universum halten.

“Now is the time to journey home to tell of what I’ve learned/My people I believe have every right to be concerned/For in spite of computers and advanced psychology/Behavior patterns are still a mystery.”

Dabei könnte man denken, dass Spock seine eigene Unfähigkeit (und die seiner Mitvulkanier) eingesteht. Aber in Wirklichkeit versteckt sich dahinter nur seine zentrale menschheitsfeindliche These: Menschliche Verhaltensweisen sind einfach nicht zu verstehen, weil irgendetwas an den Menschen nicht stimmt.

Schon in der nächsten Zeile gerät Spock aber mit dieser menschenverachtenden These in Konflikt. Denn obwohl er menschliches Verhalten für chaotisch hält, gefällt er sich in der Rolle des Propheten: “I predict the future of this earthly human race/Is that having made a mess of Earth/ They’ll move to outer space.” Und um die Ähnlichkeit zu einem alten, unverbesserlichen Rentner komplett zu machen, fügt er hinzu: “Well there goes the neighborhood/Totally, completely, absolutely, irrevocably, highly illogical” (Auch diese Aneinanderreihung möglichst vielsilbiger, fremdsprachiger Adverbien ist ein weiteres Anzeichen für seine amateurhafte Imitation von Wissenschaftlichkeit.)

Das Ergebnis ist klar, unser Urteil eindeutig: Wir haben es bei Mr. Spock mit jemandem zu tun, der von Logik nicht die geringste Ahnung hat. Nicht nur, dass er nicht in der Lage ist, Begründungen anderer Personen in ihrer logischen Struktur korrekt zu verstehen. Er ist nicht einmal in der Lage, selbst ein halbwegs vernünftiges Argument auf die Beine zu stellen. Der einzige bekannte Versuch, seine berühmte These zu untermauern ist ein jämmerliches Armutszeugnis. Mr. Spock ist ein Scharlatan.

Warum sind bloß so viele Leute auf ihn hereingefallen? Die Erklärung ist einfach: Weil so viele Leute nicht wissen, was Logik eigentlich ist. Stattdessen lassen sie es sich gefallen, dass selbsternannte Experten (mit oder ohne spitzen Ohren) darüber entscheiden, welche Argumente und welche Handlungen als “logisch” und welche als “unlogisch” anzusehen sind. Diese selbsternannten Experten benutzen dann das Prädikat “logisch” einfach nur dafür, um alle schlüssigen Argumente, deren Prämissen und Konklusionen sie für wahr halten, zu den einzig akzeptablen Argumenten zu erklären. Alle schlüssigen Argumente, die ihnen nicht gefallen, deren Prämissen oder Konklusionen sie für falsch halten, werden von ihnen dann als “unlogisch”, “inkonsistent” oder “Fehlschlüsse” gebrandmarkt. Jeder, der solche Argumente vertritt ist dann automatisch eine unlogische, inkonsistente Person, handelt “aus dem Bauch heraus”, “rein intuitiv”, “unvernünftig” oder “chaotisch” und gehört deswegen von jedem vernünftigen Diskurs ausgeschlossen. Es ist klar, dass naive Dickköpfe wie McCoy als Reaktion darauf anfangen die Logik zu beschimpfen und ein Loblied auf die Irrationalität zu singen. Es ist genauso klar, dass sie mit dieser Dummheit die Subversion eines vernünftigen Dialogs nur fortsetzen und vertiefen.

Der Erfolg von Leuten wie Mr. Spock beruht darauf, dass wir es uns gefallen lassen, dass der Begriff der “Logik” immer wieder als Kampfbegriff in Machtkämpfen mißbraucht wird. Dagegen sollten wir uns wehren. Denn Leute wie Mr. Spock sind in Wirklichkeit nichts weiter als arrogante Vollidioten.

Aber tut es Serbien auch leid?

von Matthias Kiesselbach
Montag, 25. Juni 2007

Schon wieder kapiere ich etwas nicht. Dass der serbische Präsident Boris Tadić sich im Namen seiner Landsleute bei den Kroaten für den Krieg und die Vertreibung entschuldigt, finde ich natürlich gut. Alles, was zur Heilung von Wunden und zur Abkühlung serbischer Heißsporne beiträgt, finde ich gut. Aber wenn man Tadićs Entschuldigung mal nicht nur unter dem Aspekt ihrer Konsequenzen beurteilt, sondern sie als sinnhafte Sprachäußerungen ernstnehmen will, dann steht man vor einem Rätsel. Ich jedenfalls.

Sogar vor zwei Rätseln. Zum einen habe ich noch nie richtig verstanden, was alltagsmoralische Manöver wie “um Entschuldigung bitten” in nicht-individuellen Kontexten — also in Bezug auf Firmen oder Staaten oder Gruppen — genau zu suchen haben. Wenn der Präsident als Individuum etwas falsch gemacht hat, dann kann er sich entschuldigen. Kein Problem. Der Geschädigte (wer auch immer das ist) kann die Entschuldigung dann annehmen oder ablehnen. Aber mir ist unklar, was genau passiert, wenn Staaten, oder wenn Menschen stellvertretend für Staaten, um Entschuldigung bitten. Da hilft es mir auch nicht, wenn geantwortet wird: “Das gleiche wie im individuellen Fall, nur in Bezug auf Staaten”, denn im individuellen und alltäglichen Fall kann ich so eine Entschuldigung ziemlich gut pragmatisch erläutern — beim Staat dagegen überhaupt nicht.

Wenn ich mich bei dir entschuldige, dann tue ich zwei Dinge. Erstens zeige ich eine Überzeugung betreffend meines Handelns an; dazu gehört natürlich eine Beschreibung des rationalen (also auch ethischen) Status dieses Handelns: Ich akzeptiere, dass ich es nicht hätte tun sollen. Zweitens beantrage ich (sozusagen) die Wiederaufnahme normaler Beziehungen nach oder trotz des zugegebenen Handelns. Das mache ich gewöhnlich, indem ich implizit oder explizit anbiete, dafür zu sorgen, dass so etwas sich nicht wiederholt.

Die Bitte um Entschuldigung hat sich jedenfalls etabliert als Handlung mit genau dieser pragmatischen Signifikanz, jeder versteht sie und jeder kann damit ganz gut umgehen.

Bei Staaten dagegen kann man einfach nicht von einer “etablierten Praxis des Sich-Entschuldigens” sprechen. Viel zu viele Fragen sind offen. Allen voran die Frage der Beziehung zwischen Staats-Handeln und individuellem Handeln. Wessen Handeln wird eigentlich zugegeben bzw. bewertet? Das der Staatsorgane? Aller? Der Mehrheit? Einiger? Des Staates als ganzen? (Was hieße das?) Und natürlich die Frage, für wen genau der Antrag auf Wiederaufnahme normaler Beziehungen gedacht ist: Für den Staat? (Was hieße das?) Für seine Bürger? Für die Schuldigen? Im letzten Fall: Kann sich ein individuell Unschuldiger stellvertretend für die individuell Schuldigen entschuldigen? Ist das dann so, als ob sie selbst sich entschuldigt hätten? Man sieht schon: Es gibt einfach zu viele Unklarheiten, als dass man bei Staaten von einer “etablierten Praxis des Sich-Entschuldigens” sprechen könnte. Und deswegen verstehe ich es nicht.

Das zweite Rätsel besteht darin, dass Tadić darüberhinaus die “Verantwortung übernommen” hat, wie er wörtlich sagt. Auch das ist mir unklar. Wieso und inwiefern “übernimmt” er die “Verantwortung”? Nota bene: Er ist individuell wohl unbescholten und war alles andere als ein Kriegsminister oder Armeegeneral.

Schon im individuellen Kontext ist mir dieses Manöver des Verantwortung-Übernehmens unklar. Es liegt genau in der Mitte des grauen Bereiches zwischen der Beziehungskoordination der Sprecher einerseits und ihrer Rede über äußere Tatsachen andererseits. Einerseits bittet man mit dem “Verantwortung übernehmen” einfach um Entschuldigung, was wir beziehungspragmatisch ja schon untersucht haben. Andererseits aber legt man sich damit auf eine Aussage fest, die wahr oder falsch sein kann: nämlich dass man verantwortlich für etwas war oder ist, sei es für ein Schiffsunglück, für einen verbrannten Braten oder eben für ein Kriegsverbrechen. Damit beschreibt man nicht einfach nur sein Handeln, sondern behauptet, dass es zur fraglichen Konsequenz (dem Schiffsunglück, dem Krieg) beigetragen hat. Die Standards der Wahrheit dieser letzteren Aussage variieren natürlich je nach Kontext: Mal ist die kausale Beteiligung zur “Verantwortlichkeit” hinreichend, mal nicht, mal müssen bestimmte Intentionen vorgelegen haben, mal reicht die Abwesenheit anderer Intentionen — und so weiter. Dennoch kann die Aussage wahr oder falsch sein. Und deswegen ist ein Satz wie “Ich übernehme die Verantwortung” eine Art Zwitter: Einerseits beziehungskoordinierende Floskel, andererseits sachliches und wahrheitsfähiges Urteil. Und das ist ein Nährboden für allerlei Unklarheiten. Im vorliegenden Fall nun ist alles ganz besonders unklar, denn Tadić ist eigentlich nach keinem gängigen Kriterium verantwortlich für den Krieg. Meint er also vielleicht das Amt des Präsidenten? Oder seinen Vorgänger? Oder sein Serbentum? Ich kapiere es nicht.

Vielleicht sollte man staatliche Entschuldigungen einfach nicht zu ernst nehmen. Es sind Sprechblasen. Gute Sprechblasen vielleicht, aber trotzdem Sprechblasen. Und wenn man darüber lange Blog-Artikel schreibt, verschwendet man viel zu viel Zeit. Mist.

Nachtrag vom 26. Juni:
Ich bin mir nicht mehr so sicher über den Wert dieses Postings, weil ich mittlerweile halb-überzeugt von zwei Argumenten von Mitautor Christian bin: Erstens gehöre das staatliche Um-Entschuldigung-Bitten einfach in ein anderes Sprachspiel als das individuelle Um-Entschuldigung-Bitten. Wir dürfen nicht den blöden Fehler machen anzunehmen, dass beide Sprechakte gleich sind oder ins gleiche Sprachspiel gehören, nur weil die gleichen Worte benutzt werden. Also sollten wir den staatlichen Sprechakt auch nicht mit den Standards des individuellen Sprechaktes messen. Das zweite Argument geht so: Zugegeben, einige Fragen bleiben bei dem staatlichen Sich-Entschuldigen offen. Na und? Wenn nicht alle praktischen Konsequenzen eines Sprechaktes klar sind, dann ist das nicht schlimm, solange einige von ihnen (nämlich die wichtigen) klar sind. Und einige halbwegs klare Konsequenzen gibt es ja.

Halb-überzeugt bin ich, wie gesagt. Aber ich möchte trotzdem meinen Eindruck registriert wissen, dass das neue kollektive Sprachspiel, in dem sich Staaten entschuldigen, mir dubios vorkommt, weil es in puncto Etabliertheit, Komplexität und Anbindung an nichtsprachliches Handeln so weit hinter das individuelle Sprachspiel zurückfällt, dass es mir wirklich schwerfällt, es überhaupt mit der Bezeichnung “Sprachspiel” zu adeln. Ist das gerechtfertigt — oder nur so eine akademische Befindlichkeit?

Über Interpretation VII

von Matthias Kiesselbach
Sonntag, 24. Juni 2007

‘No doubt sir, but -’
‘Don’t say “but”, Jeeves.’
‘I fear, sir -’
‘”I fear, sir” is just as bad.’
‘What I am endeavouring to say, sir, is that I am sorry, but I am afraid I must enter an unequivocal nolle prosequi.’
‘Do what?’
‘The expression is a legal one, sir, signifying the resolve not to proceed with a matter. In other words, eager though I am to carry out your instructions, sir, as a general rule, on this occasion I must respectfully decline to cooperate.’
‘You won’t do it, you mean?’
‘Precisely, sir.’

(PG Wodehouse)

Joggen zwischen Toten

von Matthias Kiesselbach
Freitag, 22. Juni 2007

Die angewandte Ethik lebt vom richtigen Unterschied. Bei ihren Bewertungen geht es ihr darum, Handlungen, Situationen oder Menschen anhand ethisch relevanter Aspekte auseinanderzuhalten. Das ist nicht anders als in unserer ethischen Alltagspraxis. Viele Leute urteilen zum Beispiel, dass es in Ordnung ist, Embryonen abzutreiben, bis sie prinzipiell außerhalb des Mutterleibes überlebensfähig sind. Der relevante Unterschied liegt hier in der prinzipiellen Überlebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibes. Andere urteilen, dass man Fleisch essen darf, wenn das Tier artgerecht gehalten wurde, sonst nicht. Der ethisch relevante Unterschied liegt hier in der Art der Tierhaltung.

Ein interessantes Beispiel moralischen Unterscheidens findet sich im letzten SZ-Magazin. In der wirklich ziemlich niedlichen Rubrik “Die Gewissensfrage”, in der Moralexperte (was auch immer das genau ist) Rainer Erlinger auf Leseranfragen antwortet, stand zur Debatte, ob es in Ordnung sei, auf dem Alten Nördlichen Friedhof in München joggen zu gehen. Dieser Friedhof ist zwar noch als Friedhof ausgewiesen, wird aber seit 1939 nicht mehr für neue Bestattungen verwandt. Herbert F. fragt sich nun, ob es wohl erlaubt sei, “sich am Grab eines Bezirksamtsassessors, verstorben 1897, ab[zu]stützen, um Dehnungsübungen zu machen.” Eine Frage, wie sie sich täglich stellt.

Die kuriose Antwort von Moralkolumnist Dr. Dr. Rainer Erlinger lautet: Joggen ja, Dehnen nein.

Joggen ja, Dehnen nein. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Und hier ist der relevante Unterschied: Während man niemandem zu nahe tritt, wenn man an ihm vorbeijoggt, so tritt man ihm sehr wohl zu nahe, wenn man sich an ihm oder an seinem Bett oder an seinem Stuhl anlehnt, um sich zu dehnen. Das sei bei Toten nicht anders. Joggen zwischen den Grabsteinen ist in Ordnung; beim Dehnen am Grabstein dagegen tritt man dem Toten darunter zu nah. Gefällt mir, die Antwort.

Warum die Kaczyńskis mich zum Nachdenken bringen

von Matthias Kiesselbach
Donnerstag, 21. Juni 2007

Wie schon in der ZEIT gemutmaßt wurde, wollen die Kaczyńskis die Quadratwurzelmethode der Verteilung der Stimmgewichte im Ministerrat gar nicht deswegen, weil sie eine so gerechte Methode ist. Wollen sie sie vielleicht nur, fragt sich Alice Bota von in der ZEIT, um dem großen Nachbarn im Westen einmal eins auswischen? Die Antwort ist nein: Die Kaczyńskis haben ein ganz und gar universalistisches Argument auf Lager. Sie sehen die Quadratwurzelmethode als Mittel der Wiedergutmachung für den Krieg des deutschen Reiches gegen Polen. Moment. Was?

Ohne den Krieg gegen Polen mit seinen vielen Kriegstoten und der großen Zerstörung wäre Polen heute ein viel bevölkerungsreicheres und mächtigeres Land. Es hätte, so Ministerpräsident Jaroslaw Kaczyński, heute 66 Millionen Einwohner und einen entsprechenden Einfluss in der Welt. Und aus diesem kontrafaktischen Konditional ergibt sich für ihn ein Anspruch auf größere Mitbestimmung in der Europäischen Union.

Allein schon wegen seines krassen Nationalismus, wegen der implizierten Kollektivhaftung der immerhin 25 anderen europäischen Länder und wegen seiner totalen Entkoppelung von der Quadratwurzelmethode ist dies natürlich ein total bescheuertes Argument.

Aber da man sich ja selbst von total bescheuerten Argumenten inspirieren lassen kann, könnte man die polnische Äußerung einmal zum Anlass zum prinzipiellen Nachdenken über die Rolle von Argumenten mit kontrafaktischen historischen Prämissen nehmen. Argumente dieser Art sind ja nicht ganz selten. Dabei denke ich nicht so sehr an die dunkle deutsche Vergangenheit (in deren Umkreis Argumente der genannten Art vor dem Kaczyński-Argument eigentlich nicht besonders häufig waren), sondern eher an die Aufarbeitung des europäischen Kolonialismus.

Ohne den Kolonialismus stünde die dritte Welt heute wesentlich besser da, und dies sei der Grund, der uns zu besonderer Hilfe verpflichtet. Dies ist das Argument, an das ich denke. Passiert nicht hier etwas ähnliches wie im polnischen Argument?

Mir persönlich tut ja die Analogie nicht so weh, da ich schon immer a-historische Gerechtigkeitsargumente bevorzugt habe, wenn es um die dritte Welt geht. (Etwa so: 1. Natürliche Lotterien sollten keinen Einfluss auf Lebenschancen haben. 2. Ob jemand in der ersten oder in der dritten Welt geboren wird, wird in einer natürliche Lotterie festgelegt. 3. Also sollte die Geburt in der dritten Welt nicht mit niedrigeren Lebenschancen verbunden sein. 4. Aus Gerechtigkeitsaussagen wie (3) ergeben sich Handlungspflichten für alle, die in der entsprechenden Position zur Intervention sind. 5. Wir sind in der entsprechenden Situation. 6. Also haben wir entsprechende Handlungspflichten.)

Dennoch würde auch ich mich manchmal gerne auf Argumente mit kontrafaktischen historischen Prämissen berufen. Sie sind handlich, schnell gemacht, und werden von vielen Leuten ohne großes Stirnrunzeln akzeptiert. Ich benutzte sie bisher nicht, weil ich immer den Eindruck hatte, dass sie nur funktionieren, weil — bzw. wenn — auch noch andere, nämlich a-historische Gerechtigkeitsargumente, in Anschlag gebracht werden können. Eigentlich, so dachte ich, sind es letztere Argumente, die das argumentative Gewicht tragen. Aber die KaczyÅ„skis bringen mich zum Nachdenken. Stimmt das eigentlich?

Wenn ich dir etwas wegnehme, dann ist es ungerecht es zu behalten, und zwar, weil es dir gehört. (Wir wollen mal annehmen, dass Dein Besitz aus moralischer Sicht in Ordnung ist.) Ich muss den Status Quo Ante wieder herstellen.

Wenn meine Eltern aber deinen Eltern etwas weggenommen haben, darf ich dann die geerbten Früchte des Diebstahls behalten? Vielleicht teilweise? Was muss ich wieder herstellen?

Wenn meine Großeltern deinen Großeltern etwas weggenommen haben, darf ich dann die geerbten Früchte der Früchte des Diebstahls behalten? Vielleicht teilweise? Was muss ich wieder herstellen? Und so weiter.

Am Ende stelle ich zwei Dinge fest. Erstens: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto schwächer wird die aktuelle Verpflichtung, aber sie scheint nicht ganz wegzugehen, und sie ist auch nicht ganz in a-historische Erwägungen zu überführen. Dies ist jedenfalls vor dem Hintergrund der Praxis des Eigentums, des Vererbens, und noch einiger weiterer Dinge so. Zweitens: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto unplausibler wird der Status Quo Ante als Richtschnur der aktuellen Verpflichtung.

Und das ist es wohl, was uns auf folgenden dritten Gedanken bringt: Wo immer noch eine Verpflichtung besteht — auch wenn sie abgeschwächt wurde — und wo der Status Quo Ante keine gute Richtschnur dieser Verpflichtung abgibt, da muss ein kontrafaktischer Satz her, um uns zu sagen, was wir tun sollen. Juristen machen das eigentlich genauso: “Entgangene Gewinne” nennen sie das. Dies scheint tatsächlich zentrale moralische Intuitionen zu treffen. Zwar kommt nun ein Problem, das unter Juristen nur allzu bekannt ist: Je weiter wir diesen Gedankengang spinnen, desto schwieriger wird die Identifikation der Konsequenzen des ursprünglichen Diebstahls und der Nachfahren. Kurz: Desto schwieriger wird die Identifikation der Welt, wie sie wäre, wenn der ursprüngliche Diebstahl nicht stattgefunden hätte.

Dennoch ist wohl wirklich etwas dran, diese Art von Erwägung zu einer Richtschnur des aktuellen Handelns zu machen. Freilich zu einer von sehr (sehr) vielen - aber immerhin. Wahrscheinlich kann man das ganze so zusammenfassen: In einer nicht-idealen Gerechtigkeitstheorie gibt es aktuelle Pflichten, die aus historischen Vergehen resultieren. Ihr Umfang muss mit kontrafaktischen Erwägungen ermittelt werden.

Für die Gelegenheit zu diesem kleinen Gedankenspiel bin ich den Kaczyńskis jedenfalls dankbar. Schade nur, dass sie selbst eher nicht zu Gedankenspielen aufgelegt sind. Jedenfalls nicht, wenn damit liebgewonnene Positionen ins Wanken geraten können.

Philosophisches über Deutschland, Polen, die Gleichheit und die Quadratwurzel

von Matthias Kiesselbach
Mittwoch, 20. Juni 2007

Worum geht es dem polnischen Verhandlungsteam beim neuen Quasi-Verfassungsvertrag? Es geht ihm um den “gleichen Einfluss aller EU-Bürger”, sagen seine Vertreter.

Darum geht auch der deutschen Seite. Und trotzdem sind die Deutschen und die Polen in dieser Sache so weit auseinander wie man nur sein kann.

Wir haben es offenbar mit einer Debatte um die Bedeutung von “gleich” zu tun. Diesen Debattentyp kennt die politische Auseinandersetzung seit, nun, seit es politische Auseinandersetzungen gibt. In seinem Zentrum steht ein Begriff, der - wie es der britische Philosoph W. B. Gallie genannt hat - “essentiell umkämpft” ist. Im vorliegenden Fall ist das der Begriff der “Gleichheit”. Ein anderes berühmtes Beispiel eines essentiell umkämpften Begriffes ist der Begriff der “Gerechtigkeit”. Niemand ist gegen Gerechtigkeit, aber alle streiten sich darüber, worin sie besteht.

Bei Streitigkeiten um solche essentiell umkämpften Begriffe können wir von einer Kombination aus Definitionsfrage und Meinungsverschiedenheit sprechen. Man muss sich das ganz klar machen, denn dieser Fall hat etwas Merkwürdiges. Schließlich sollte man erwarten, dass Streitigkeiten um Definitionen gerade keine Meinungsverschiedenheiten sind. Oder andersherum gesagt: Man sollte erwarten, dass Meinungsverschiedenheiten erst dann auf den Plan treten können, wenn sich die Streitenden auf die gleichen Definitionen ihrer Begriffe geeinigt haben. Sonst redeten sie ja aneinander vorbei, und dann hätten sie (noch) keine Meinungsverschiedenheit. Wie können sie also beides haben - Meinungsverschiedenheit und Definitionsstreit?

Nun, die Auflösung ist die, dass zwischen Meinungsverschiedenheit und Definitionsstreit ein Kontinuum besteht, die beiden Begriffe sich in unserer Alltagssprache aber ein bisschen ins Gehege kommen. Wir können das so beschreiben: Unsere Begriffe sind eigentlich immer leicht divergent, was sich darin zeigt, dass wir aus vermeintlich geteilten Urteilen immer die eine oder andere unterschiedliche Konsequenz ziehen würden. Wenn man nun ganz strikt sein will, dann könnte man sagen, dass wir uns eigentlich immer missverstehen - und folglich keine Meinungsverschiedenheiten haben können. Aber so strikt sind wir nicht. Wir nennen manche Streitigkeiten ohne allzuviele Vorbehalte “Meinungsverschiedenheiten” - besonders dann, wenn sich abzeichnet, dass wir mit ihnen am Ende auf ganz unterschiedliche Handlungswege zu schließen geneigt sind. Diese Art zu sprechen ist auch völlig in Ordnung, aber es sollte uns klar sein, dass wir hier einfach einen pragmatischen Schnitt machen. Genau genommen haben wir bei diesen “Meinungsverschiedenheiten” noch kein völliges Verständnis für die jeweils divergente “Meinung” entwickelt, weil die verwandten Begriffe nicht ganz dieselben sind. Trotzdem: Mit dem pragmatischen Schnitt wird es möglich, dass wir uns über Begriffe streiten und dennoch Meinungsverschiedenheiten in der Sache haben können.

Die merkwürdigen, aber häufigen, Debatten um zentrale Begriffe entspinnen sich gewöhnlich um jene Begriffe, die eine starke evaluative Komponente haben. Damit meine ich nicht viel mehr als Begriffe, mit denen wir Lob oder Ablehnung ausdrücken. “Gleicher” Einfluss aller EU-Bürger — das ist jedenfalls zweifelsfrei eine feine Sache. In Bezug auf Stimmgewichtungen ist es sogar eine der höchsten Tugenden überhaupt. Und wenn zwei Parteien nun der Meinung sind, dass jeweils ihr eigener Vorschlag — sagen wir: zur Stimmverteilung in der EU — der richtige ist, die Vorschläge aber ganz unterschiedlich sind, dann ist es naheliegend, dass in dem Streit der Begriff der “Gleichheit” zu einem essentiell umkämpften Begriff wird.

So ist es auch im aktuellen Verfassungsstreit zwischen Deutschland und Polen. Es ist eine Debatte um den essentiell umkämpften Begriff der “Gleichheit”.

Das Ärgerliche ist im vorliegen Fall nur, dass die streitenden Parteien nichts, aber auch gar nichts tun, was man “Debattieren” nennen könnte. Das müssten sie aber, denn der alltägliche Begriff der Gleichheit ist schlechterdings völlig unentschieden in der Frage, um die es geht. Zur Erinnerung: Es geht im aktuellen Verfassungsstreit um die Methode der Stimmverteilung im EU-Ministerrat und um das Problem, wie einerseits die Regierungen als die vertraglich gebundenen Parteien zu ihrem Recht kommen, andererseits aber auch die unterschiedlichen Bevölkerungszahlen ihrer Staaten berücksichtigt werden. Die Deutschen wollen bekanntlich das Prinzip der “doppelten Mehrheit”. Das heißt, Entscheidungen gelten als getroffen, wenn erstens die einfache Mehrheit der Mitgliedsländer (genauer: 15 Länder) zustimmt, und wenn zweitens die zustimmenden Länder die Mehrheit der EU-Bevölkerung umfassen (genauer: 65% der EU-Bevölkerung). Die Polen wollen nur eine Stufe, auf der das Stimmgewicht jedes Landes sich direkt aus der Wurzel ihrer Bevölkerungszahl ergibt (also Deutschland: 9055, Polen 6204, usw.). Aus meinem Alltagsbegriff der Gleichheit folgt aber weder das eine noch das andere.

Aus dem Alltagsbegriff der Gleichheit müsste also per theoretischer Extrapolation ein Begriff erschlossen werden, aus dem dann ersichtlich wird, ob die Polen recht haben oder die Deutschen (oder keiner von beiden). Wie macht man das? Mit Argumenten. Nicht, dass die streitenden Parteien Bücher schreiben sollen mit Titeln wie “A Theory of Equality”. Aber sie müssten doch mal das eine oder andere Argument darüber präsentieren, wieso das Ziel der Gleichheit ihrer Meinung nach nur mit jeweils ihrem Vorschlag erreicht wird. Doch so etwas hört man aus den Mündern der verhandelnden Parteien gar nicht.

Dabei gibt es durchaus Argumente in dieser Debatte. Ich habe zum Beispiel ein sehr interessantes Argument für die von Polen favorisierte Quadratwurzelmethode gefunden, das darauf aufbaut, dass der “echte” Einfluss eines Wählenden auf das Endergebnis gemessen werden kann am Anteil derjenigen Wahlkonstellationen, in denen der jeweilige Wähler das Zünglein an der Waage ist, also den Ausschlag gibt, an allen möglichen Wahlkonstellationen. Die Quadratwurzelmethode, zusammen mit einem bestimmten Quorum, egalisiert diesen Anteil in einem Kontext wie dem vorliegenden. Somit ist das Verfahren zumindest dem Status Quo vorzuziehen und, wenn sich nicht andere relative Nachteile ergeben, auch dem Verfahren der “doppelten Mehrheit”, da letzteres den Zünglein-an-der-Waage-Anteil nicht egalisiert.

Das wäre doch schon mal etwas. Und es bietet schon eine Prämisse, die sicherlich Anlass zu weiteren Diskussionen geben könnte. Liegt der “echte Einfluss” des Abstimmenden im Anteil der Fälle seines Zünglein-an-der-Waage-Seins an allen möglichen Fällen? Oder vielleicht doch woanders? Zudem stellt sich die Frage, ob es nicht noch andere zu erfüllende Ziele bei der Übung gibt als die Gleichheit der Bürger - schon insofern, dass es ja Teil des Problems war, auch die Rolle der vertraglich gebundenen Regierungen an sich besonders zu berücksichtigen. Eine echte Frage ist nun, ob das mit dem Ansatz noch passiert. Übrigens: dass die Regierungen an sich eine besondere Rolle spielen sollen, das ist auch eine Prämisse, die eine hochinteressante Diskussion verspricht. Ich will die Diskussion hier nicht führen, sondern darauf aufmerksam machen, dass sich schon auf den ersten Blick lauter hochinteressante Fragen und Möglichkeiten auftun. Und ich will darauf hinweisen, dass diese Fragen und Möglichkeiten überhaupt nicht ergründet werden. Wo ist die Diskussion? Sie ist nicht einmal in embryonaler Form zu erblicken. Es gibt sie nicht!

Das finde ich komisch, denn normalerweise besteht doch zumindest die Fassade der Politik aus Argumenten. Selbst im vorliegenden Fall, in dem Deutschland einfach ein größeres Gewicht will als das nur halb so große Polen, und in dem Polen einfach sein privilegiertes Stimmgewicht behalten will, erwarte ich, dass die Parteien mir erklären, warum ihre Forderungen jeweils dem Gleichheitsgebot entsprechen.

Wenn sie das schon behaupten, müssten sie es dann nicht auch belegen? Das jedenfalls folgt, so sollte man meinen, aus dem Gebot der Aufrichtigkeit. Aber ich ahne schon das Problem: “Aufrichtigkeit” ist ebenfalls ein essentiell umkämpfter Begriff. Und so geht es uns mal wieder wie so oft in der Politik. Ein berechtigter Streit um zentrale Begriffe versickert im Sand der Macht. Das Endergebnis wird zwar irgendwie erreicht - aber die Chance, ein intellektuell respektables Ergebnis zu erreichen, scheitert an der Hürde - ja: des Abstimmungssystems. Das ist im vorliegenden Fall doppelt tragisch.

[Ein kurzer Nachtrag wegen mündlicher Nachfragen: Der einfache One-Person-One-Vote-Ansatz ist trotz des Proportionalitätsprinzips durchaus nicht die egalitärste Methode der Stimmgewichtung. Zwei kurze und prägnante Erwägungen dazu finden sich hier.]