Was ist geschmackloser: Realität oder Reality-TV? Die moralische Entrüstung über Endemols Nierenshow
31. Mai 2007Christian Voigt
“Eins, zwei oder drei, letzte Chance vorbei!” wird es Freitag im holländischen Fernsehen für drei Kandidaten heißen, die gegeneinander antreten, um eine Niere zu gewinnen, die jeder von ihnen zum Überleben braucht. Die todkranke Nierenspenderin “Lisa” wird die Kandidaten während der Sendung befragen, Zuschauer können über SMS abstimmen und am Ende wird “Lisa” entscheiden, wer mit der Niere nach Hause gehen darf. Produziert wird die Sendung von der Produktionsfirma Endemol, die auch schon Big Brother erfunden hat.
Die Reaktionen waren natürlich voraussehbar:
Ein weiterer Schritt, aber ein großer, in eine Welt ohne Moral…
Der Fall scheint eindeutig zu sein. Unsere moralischen Intuitionen lassen keine Zweifel zu: Diese Sendung ist geschmacklos, sie ist zynisch, menschenverachtend, die Produzenten wollen nur Quote machen, usw.
Solche Fälle sind auf der einen Seite natürlich deprimierend, weil wir an ihnen erkennen, wie schlecht es um die Welt bestellt ist. Aufgrund ihrer Einfachheit sind sie aber auch wieder beruhigend. Denn das erkannte Übel in der Welt wird durch die Stärke unserer moralischen Emotionen kompensiert, die uns versichern, dass zumindest mit uns selbst noch alles in Ordnung ist. Es ist klar, dass wir an dieser emotionalen Selbstvergewisserung hängen und deswegen die Berechtigung einer einmal gefühlte Entrüstung nur noch ungern in Zweifel ziehen. Moralische Intuitionen beziehen ihre Kraft nicht einfach nur aus ihrer intersubjektiven Wahrheit, sondern zu einem wesentlichen Teil auch aus diesem subjektiven Mechanismus der Selbstverstärkung.
Im Fall der Nierengewinnshow lässt uns diese vorauseilende Selbstgewissheit den eigentlichen Sachverhalt nur noch verschwommen erkennen (manche lesen nach dem ersten Absatz des Artikels im Vertrauen auf ihre innere moralische Stimme wahrscheinlich wirklich nicht mehr weiter). Wie kompliziert die Sache in Wahrheit ist, zeigte sich in einer mal wieder hervorragenden Folge von “World Have Your Say” auf BBC World (kann hier nachgehört werden). Bevor die Hörer zu Wort kamen, wurde Laurens Drillich, Vorsitzender des holländischen Senders BNN interviewt. Es folgt ein fast komplettes Transskript:
“We very much agree that it’s bad taste, but we also believe that reality is even worse taste. I mean it’s going very, very bad with donorship in the Netherlands. We as a broadcaster BNN had someone who started our company, who needed kidneys and was on a waiting list and died eventually at the age of 35. That happened five years ago, and in the last five years the situation has only gotten worse in Holland.”
“Mr. Drillich, you could have made a documentary about organ transplants.”
“No, no, that’s not true. No one would have watched a documentary.”
“So you are making entertainment of it?”
“Yes.”
“And you have no misgivings about it at all?”
“No, not at all, we really want everyone to talk about this, we want this to be an issue, and we achieved this since last Friday when we sent out the press release, people have been talking about donorship in the Netherlands constantly, so we already achieved one of our goals”
“You are making a game out of life and death, aren’t you?”
“No, not at all, I’ll put it to you very differently. For the people who are participating in this show which are three people who do need a donor and who are on a waiting list, their life is a daily lottery, their life is a daily hell, because they have no idea when they are going to receive something and they also see this numbers go down and down and down. We ask for attention for their cause. So, that is the issue, that is why we are doing this.”
“One person will end at the show with the chance of an extended life, two will not.”
“That’s the chance of 33 percent which is a lot lot better than it is in their actual life. It is not only a live show they are in for one and a half hour, this is their life show this is daily life for them. They know very well what they are going to be doing and they want attention for this kind of stuff as well.”
“And you are asking television viewers to help decide who might live and who might die?”
“Well, what we thought about is, I mean, this is 2007 and we are a broadcaster that caters to a young audience, it would be kind of strange not to make this interactive. There is going to be a couple of interactive things. People can ask for a donorship through sms, they can also give their opinion, and they can also let know who they think deserves the kidney most of all. So it’s just a way of making interaction with the audience but the audience in the end is not going to decide, what Lisa is going to do (the girl who is going to give up her kidney).”
(…)
“Is she being paid to participate by your station?”
“Ah no, are your crazy? We are a public station, we don’t pay anyone.”
Alle Werbeeinnahmen der Sendung werden übrigens gespendet (laut der taz).
Was machen wir nun mit unserer ursprünglichen Intuition? Ignorieren wir einfach die zusätzlichen Informationen als irrelevant? Wir können z.B. die vorgebrachten Argumente als “vorgeschoben” betrachten und den Produzenten un- oder amoralische Intentionen unterstellen. Aber das ändert nichts daran, dass die Dinge komplizierter sind, als es zunächst schien.
Verzichten wir auf Unterstellungen, dann bleibt uns die Möglichkeit, die vorgebrachten Argumente anzugreifen. Das Hauptargument läuft ungefähr so:
- Es müssen mehr Nieren gespendet werden.
- Es werden nur dann mehr Nieren gespendet, wenn mehr Leute über Nierenspenden informiert werden.
- Der effektivste Weg mehr Menschen über Nierenspenden zu informieren, besteht darin, durch eine geschmacklose Spielshow, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll, ihre Aufmerksamkeit zu wecken.
- Wenn x herbeigeführt werden soll und dies nur oder am effektivsten dadurch geschehen kann, dass y herbeigeführt wird, dann muss y herbeigeführt werden, solange y oder Folgen von y nicht schlimmer sind, als das Ausbleiben von x.
- Es ist geboten eine geschmacklose Spielshow zu senden, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll, solange das nicht schlimmer ist, als ein Ansteigen der Nierenspenden zu behindern.
- Eine geschmacklose Spielshow zu senden ist nicht halb so schlimm, wie ein Ansteigen der Nierenspenden zu behindern.
- Es ist geboten eine geschmacklose Spielshow zu senden, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll.
Das Erstaunliche an diesem Argument besteht darin, dass es bis zur Zwischenkonklusion durchaus plausibel ist. Gerade Prämisse 3, die zunächst zweifelhaft erscheint, bewahrheitet sich paradoxerweise gerade durch die skandalisierende Kritik dieser Prämisse in den Medien. Wer seine moralische Empörung rationalisieren will, der muss deswegen die letzte Prämisse angreifen. Und hier lassen sich nun alle Ausrufe der Entrüstung erneut vorbringen: “Geschmacklosigkeit”, “Respektlosigkeit”, “Zynismus”, “Menschenverachtend” usw.
Allein: All diese Vorwürfe sind zwar durchaus berechtigt, reichen aber kaum aus, um die eigentliche Behauptung zu widerlegen. All das wird ja nicht abgestritten. Es wird nur behauptet, dass man beim Abwägen des Für und Widers zu dem tragischen Ergebnis kommen muss, dass all das weniger zählt, wenn es um Tod oder Leben für nierenkranke Patienten geht.
Der rationale Grund für unsere moralische Empörung liegt also weniger im Zynismus von holländischen Fernsehproduzenten als viel eher, wie Drillich sagt, in der Geschmacklosigkiet der Welt. Unsere moralische Empörung wird durch diese Einsicht nicht verschwinden. Aber als rationale Menschen müssen wir mit ihr umgehen, wie mit einer Wut, die wir nicht herauslassen dürfen, wenn wir es uns nicht grundsätzlich mit einem guten Freund verscherzen wollen.

Interessant - und ähnlich wie in der belgischen RTBF-Sendung, in der der Sender ca. 45 Minuten lang so getan hatte, als ob die Flamen ihre Unabhängigkeit erklärt hätten. (Die drohende Spaltung Belgiens ist ein Riesenproblem.) Auch in diesem Fall bezog sich fast die gesamte Kritik auf einen Punkt, den die Macher der Sendung nie im Leben bestritten hätten, nämlich den Missbrauch der Reputation des Journalismus. Der Dreh- und Angelpunkt des Argumentes von RTBF war nämlich dieser: “Es ist geboten, mittels Missbrauches der Reputation des Journalismus auf ein drängendes Problem hinzuweisen (solange dieses Hinweisen nicht schlimmer ist als das Problem selber)”.
Übrigens, was das ganze vielleicht zeigt: Die Folk Theory der Moral ist - entgegen anderslautender Behauptungen - eine durch und durch deontologische. Naja, vielleicht auch einfach eine nachplappernde.