Dopium fürs Volk

30. Mai 2007
Matthias Kiesselbach

Die moralische Entrüstung ist – völlig zurecht – eine unserer liebsten Emotionen. Nicht nur ist sie ein im höchsten Maße befriedigendes Gefühl. Sie ist darüber hinaus ein ganz erstklassiger Motivator. Oft hört man von gewöhnlichen Menschen, die durch eine kleine Prise moralischer Entrüstung zu den wundervollsten Diensten an der Menschheit befähigt werden.

In dieser Hinsicht ist die moralische Entrüstung dem Doping nicht unähnlich – wenn auch letzteres nicht zu Diensten an der Menschheit befähigt, sondern höchstens zu ein paar zusätzlichen Kilometern auf dem Fahrradsattel. Dennoch verstehe ich einfach nicht, wieso wir das edle Gefühl der Entrüstung gerade im Radsport, und gerade wegen des Dopings verschütten. Kübel für Kübel leeren wir über Radfahrern aus, weil sie mit chemischer Hilfe ihre Ausdauer in der gut bezahlten Rundfahrt durchs Nachbarland etwas erhöht haben. Gibt es nicht (so möchte man ausrufen) würdigere Anlässe zur Ausschüttung dieser feinen Emotion?

Manchmal, wenn uns solche Fragen quälen, hilft ein fragender Blick zum zuständigen Minister. Das ist im vorliegenden Fall Wolfgang Schäuble, und der lässt mit seiner Wortmeldung dazu nicht lange auf sich warten. “Doping zerstört die Werte des Sports. Seine Glaubwürdigkeit, Vorbildfunktion und die öffentliche Akzeptanz insgesamt stehen auf dem Prüfstand.”

Nun. Eine direkte Antwort auf unsere Frage war das nicht. Aber es klingt nach einer dicken Schicht Empörung, und wenn Schäuble empört ist, dann wird er ja gute Gründe dazu haben. Sicher sind das die gleichen Gründe, die die Große Koalition jetzt veranlassen, im entsprechenden Gesetzentwurf zehn Jahre Haft für den systematischen Handel mit Dopingsubstanzen anzusetzen. (Ich wiederhole: Zehn.) Und auch den Besitz kleiner Mengen an Dopingmitteln unter Strafe zu stellen. Den Grünen geht das Gesetz übrigens nicht weit genug. Ihr Abgeordneter Winfrid Hermann fordert einen Straftatbestand des “Sportbetruges”. Kurz und gut: Alle sind entrüstet, und jetzt wird was getan.

Doch was ich an dem ganzen Theater (aufrichtig) nicht verstehe, ist dies: Wenn das Strafrecht jetzt in dem Feld der Unterhaltung der Massen Einzug hält, wieso wurde dann nichts unternommen, als herausgekommen ist, dass Milli Vanilli gar nicht singen konnten? Sind da etwa keine Werte zerstört worden? Stand da etwa nicht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel? Die Vorbildfunktion?

Die Entertainment-Branche. Ich verstehe sie einfach nicht.

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