Einige Platitüden zum Hintergrund der Frage, ob wir nach Heiligendamm fahren sollten oder nicht
27. Mai 2007Matthias Kiesselbach
Die politische und ökonomische Welt ist zu komplex, als dass Menschen sie wirklich verstehen könnten. Wir können Szenarien und Entwicklungsgesetze modellieren und Prognosen machen, aber unsere Theorien sind immer nur sehr beschränkt verwendbar. Ähnlich wie in der Meteorologie stoßen wir in der Ökonomie und der Politik schnell an unsere kognitiven und informationellen Grenzen. Wir wissen zum Beispiel nicht wirklich, welche der globalen Ungleichheiten eher auf freie Märkte und welche eher auf Marktversagen zurückgehen. Wir wissen nicht wirklich, wann Entwicklungshilfe ein Segen ist und wann ein Entwicklungshemmnis. Wir wissen nicht wirklich, wann schnell transferierbare, große Mengen an Kapital Effizienzgewinne versprechen und wann Effizienzverluste. Wir wissen sehr wenig, und wir, das sind wir alle - inklusive unserer Wissenschaftler, Meinungsführer und Staatenlenker.
Wer, wie ich, skeptisch in Bezug auf die Erfolgsbilanz in der politischen und ökomomischen Komplexitätsreduktion ist, der muss aber ganz sicher nicht die radikale These unterschreiben, dass alle Formen von Komplexitätsreduktion gleichermaßen wertlos sind. Einen solchen Schluss zu ziehen wäre eine ähnliche Selbsttäuschung wie der entgegengesetzte Weg des unkritischen Vertrauens in unser Verständnis der komplexen Vorgänge. Ob skeptisch oder nicht: Wollen wir ehrlich mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen sein, dann kommen wir nicht umhin, uns die Hände schmutzig zu machen im schwierigen Geschäft der Komplexitätsreduktion selber, im Formulieren und Zurückweisen und Verfeinern von Argumenten für dies und gegen jenes. Sicher erreichen wir damit nicht das Paradies auf Erden. Aber selbst eine bessere Kenntnis der einen oder anderen Variable in der einen oder anderen Gleichung könnte sich als hilfreich erweisen. Viel mehr ist leider für uns nicht drin.
So weit so unkontrovers. Doch was folgt aus dieser nüchternen Diagnose? Man könnte versucht sein, in ihr eine Unterstützung für zwei Thesen zu sehen. Die erste besagt, dass es in einer so schwierig zu verstehenden Welt wie der unseren prinzipiell unangebracht ist, Kritik am Handeln anderer zu üben. Die zweite besagt, dass es zwar bedauerlich ist, dass auch schwierig zu verstehende Welten sehr konkretes Unglück und Leiden generieren, aber dass es wenig nützt, dies zu beklagen. Natürlich sind beide Schlüsse abzulehnen. Aber es ist ganz bestimmt kein Fehler, einmal darüber nachzudenken, warum sie sich so aufdrängen. Vielleicht ist ja an ihnen nicht nur Falsches?
Es ist doch so: Wenn wir andere Leute (zum Beispiel Politiker) interpretieren, dann sollten wir nicht von vornherein davon ausgehen, dass sie böse, dumm oder ignorant sind. Es kann durchaus sein, dass einer dieser Befunde sich am Ende als angemessen erweist, aber er sollte nicht als Anfangshypothese benutzt werden. Interpretation funktioniert nur dann, wenn wir davon ausgehen, dass andere Leute prinzipiell so ähnlich ticken wie wir und in etwa das wissen, was auch wir wissen - oder, mit Donald Davidson gesagt: dass sie “believer[s] of truths and lover[s] of the good” sind. In etwa so lautet sein berühmtes “Principle of Charity”. Ich denke, dass das Richtige am ersten dubiosen Schluss nun dies ist: Die Annahme unserer kognitiven und informationellen Beschränktheit erweitert das Davidsonsche Interpretationsprinzip um ein Bescheidenheitsgebot. Das Prinzip fordert nun in etwa folgendes: Im Kontext von unsicheren und kontroversen Theorien, gehe zuerst davon aus, dass eine theoretische Meinungsverschiedenheit darüber vorliegt, wie die geteilten abstrakten Ziele am besten zu verwirklichen sind. Gehe dabei davon aus, dass du auf ebenso wackeligem Boden stehst wie dein Gegenüber. Erst, wenn sich dies als falsch erweist, mache deine unschmeichelhafte Zuschreibung von Ignoranz oder Dummheit. Im übrigen sei genau so sparsam mit der ‘böse’-Zuschreibung wie in klareren Kontexten.
Auch an der zweiten dubiosen These ist vielleicht bei allem Falschen etwas Richtiges dran. Natürlich darf und soll Unglück und Leiden immer beklagt werden, wo es auftaucht. Es ist immer besser, wenn Unglück bekannt ist, als wenn es totgeschwiegen wird. Dabei ist nur zu bedenken, dass die Klage mit zunehmender kognitiver und informationeller Beschränkung immer weniger von einer Anklage und immer mehr von einem Schrei oder einem Stöhnen hat. Daran ist nichts zu “kritisieren” (wenn auch zu “bedauern”), es ist nur gut, wenn uns dies klar ist.
Ich glaube, dass ich nichts Falsches sage, wenn ich behaupte, dass die so bereinigten Thesen sich irgendwie auf die Fragen auswirken, ob und wie wir in Heiligendamm demonstrieren sollten.

Artikel kommentieren