Reine Formsachen — Ein Nachtrag zum “verführerischen Verdacht”

20. Mai 2007
Christian Voigt

Letzte Woche habe ich in meinem Artikel über monistische Theorien menschlichen Verhaltens einen naiven Antiformalismus vertreten. Aussagen wie “Jeder macht alles immer nur, um x zu erreichen”, so meinte ich, seien prinzipiell “leere” Aussagen. Honneths Anerkennungstheorie, Nietzsches Wille zur Macht oder die Nutzentheorie der Ökonomie sagten deswegen im Grunde dasselbe; nämlich gar nichts. (Eine ausführlichere theoretische Verteidigung des Antiformalismus oder Antizentralismus findet sich übrigens in Susan Hurleys “Natural Reasons”.)

Diese Woche möchte ich mir selbst antworten. Denn leider gerät dieser Antiformalismus in scheinbaren Konflikt mit einer meiner Lieblingsmeinungen, die ich seit längerem gegenüber allen Zweifeln (und auch gegen Hurleys Argumente) zu schützen suchte. Diese Lieblingsmeinung besagt, dass etwas nur dann überhaupt als Versuch einer Begründung anerkannt werden kann, wenn es zulässig ist diese Begründung als deduktiv schlüssiges Argument aufzufassen (”deduktiv” soll hier heißen: Wenn die Prämissen wahr sind, dann muss aufgrund der logischen Form des Arguments notwendigerweise auch die Konklusion wahr sein). Dieser “rekonstruktive Deduktivismus” ist von seiner Struktur her sehr ähnlich zu den monistischen Theorien menschlichen Verhaltens, die ich letzte Woche kritisiert habe. Auch hier wird jede Begründung vom Interpreten in die gleiche Form gebracht, so dass man versucht sein könnte zu behaupten, dass “Jeder eigentlich alles immer nur mit deduktiv schlüssigen Argumenten begründet”. Das ist natürlich genauso falsch oder offensichtlich sinnlos, wie die Behauptung, dass alle immer nur das Eine wollen. Dennoch würde ich bestreiten, dass diese Art der Argumentrekonstruktion sinnlos sei. Wie passt das zusammen? Um das zu klären, will ich noch einmal etwas allgemein über den Sinn “reiner Formsachen” sagen.

In meinem Artikel begann ich mit einem einfachen Sortierbeispiel, in dem Äpfel von Birnen getrennt wurden. Es war offensichtlich, dass in einem solchen Sprachspiel ein Oberbegriff wie “Obst” für “Äpfel und Birnen” vollkommen überflüssig ist. Wäre unsere gesamte Sprache nur zum Sortieren von Birnen und Äpfeln benutzt worden, so hätte das Wort “Obst” niemals die Bedeutung erlangt, die es für uns hat. Wir könnten es zwar benutzen, um Aussagen über Äpfel und Birnen eine gemeinsame Form zu geben (”Dies ist ein Apfelobst”, “Dies ist ein Birnenobst”). Aber diese gemeinsame Form der Aussagen wäre insofern irreführend, als es in unserer Praxis keine Anwendung für diese sprachliche Gleichbehandlung gäbe. Die gemeinsame Form der Aussagen wäre wie die Form einer Flasche: Die Form der Flasche sagt nichts darüber aus, ob die Flüssigkeiten, mit der wir sie befüllen, sich in ihrer Form gleichen, weil wir die Flüssigkeiten selbst in diese Form gebracht haben als wir sie in die Flasche füllten. “Alle Flüssigkeiten haben in dieser Flasche Flaschenform”, wäre zwar eine richtige, aber auf irritierende Weise überflüssige Aussage.

“Das ist jetzt nur noch eine reine Formalie”, wird einem entschuldigend gesagt, wenn man eigentlich schon alles erledigt hat, was zu tun war, aber aufgrund bürokratischer oder institutioneller Rituale zu weiteren Schritten, z.B. zur mehrfachen Unterschrift oder zum Ausfüllen eines umständlichen Formulars, genötigt wird. Was der Ökonom mit Handlungen, was der Logiker mit Begründungen anstellt hat genau diesen Charakter: Eine Handlung als nutzenmaximierend oder eine Begründung als deduktiv schlüssig zu rekonstruieren ist mehr den institutionellen Regeln der Wirtschaftswissenschaft oder der Logik geschuldet, als der Sache an sich. Sind diese reinen Formsachen deswegen überflüssig?

Dass das nicht so sein muss, macht die Flaschenanalogie klar: Natürlich ist es vollkommen irrsinnig, mit der Hilfe von Flaschen die Form von Flüssigkeiten überprüfen zu wollen (”hey, ich hab schon wieder eine flaschenförmige Flüssigkeit gefunden!”). Aber noch viel irrsinniger wäre es, deswegen den eigenen Weinkeller auszuräumen. Flaschen sind keine sinnlosen Gegenstände nur weil man mit ihnen sinnlose Dinge anstellen kann. Flaschen und Gefäße allgemein dienen zwar nicht dazu, Flüssigkeiten nach ihrer Form zu sortieren. Aber dennoch sind Gefäße zur Sortierung von Flüssigkeiten unverzichtbar, gleichgültig nach welchen Kriterien wir sortieren (z.B. nach Jahrgang).

Wer aus der Form ökonomischer oder logischer Interpretationen etwas über die wahre Form von Handlungen oder Begründungen lernen will, der macht nichts anderes, als Flaschen dazu zu benutzen, Flüssigkeiten nach ihrer Form zu sortieren. Es ist kein Wunder, dass alle Handlungen rational und alle Begründungen deduktiv schlüssig sind, wenn wir sie selbst so zubereiten. Aber daraus zu schließen, dass die Formalisierung von Verhaltensbeschreibungen oder Begründungen überflüssig und sinnlos sei ist genauso falsch, wie die Benutzung von Flaschen grundsätzlich abzulehnen.

Allein dadurch dass wir eine Begründung deduktiv schlüssig rekonstruieren erfahren wir noch nichts über die Begründung. Erst wenn wir die Plausibilität der Prämissen überprüfen, wissen wir, wie gut oder wie schlecht ein Argument ist und wie es funktioniert. Allein dadurch, dass wir eine Handlung rational rekonstruieren, wissen wir noch nichts über die Handlung. Erst wenn wenn wir die Präferenzordnung einer Person auf ihre normative Richtigkeit und die Meinungen einer Person auf ihre Wahrheit hin überprüft haben, haben wir die Handlung wirklich kennengelernt.

Aber um auf diese Weise Begründungen und Handlungen zu evaluieren müssen wir sie erst einmal in eine Form bringen, in der wirklich alles zum Vorschein kommt, was für die Bewertung relevant ist. Dass wir ein Ei zerschlagen können, sagt nichts über die Qualität des Eis. Aber um zu erfahren, ob das Ei faul ist, müssen wir es zerschlagen.

Die rationale Rekonstruktion von Handlungen und Begründungen hat allein diesen Zweck: Sie bringt Handlungen und Begründungen in eine Form, in der wir leicht beurteilen können, was an ihnen faul ist. Allein danach müssen wir diese “reinen Formsachen” beurteilen: Erfüllen sie die Funktion, das Innerste einer Handlung oder einer Begründung nach außen zu kehren? Ist es wirklich in jedem Fall so, dass sie nur das ergänzen, was für die Evaluation relevant und nur das weglassen, was für die Evaluation irrelevant ist? Ist es z.B. für die Evaluation sinnvoll, Verhalten rational zu rekonstruieren, das “aus dem Bauch heraus”, “intuitiv” oder “spontan” entsteht? Ist es sinnvoll Begründungen für die Evaluation deduktiv zu rekonstruieren, die eine These nur plausibel machen sollen oder bei der man für die Deduktivierung offensichtlich falsche Prämissen ergänzen muss?

Was ich letzte Woche an monistischen Theorien des Verhaltens kritisiert habe ist nur dies: Dass sie die Funktion der monistischen Form ihrer Theorien mißverstehen. Diese Form sagt nichts Gehalt- oder Sinnvolles über das Wesen menschlichen Verhaltens aus. Der Nutzen monistischer Theorien des Verhaltens (oder des Begründens) kann nicht darin liegen, dass sie eine andere Welt beschreiben als pluralistische Theorien. Der Nutzen kann allein darin liegen, dass sie uns dieselbe Welt auf andere Art zubereiten.

Kommentare

Einen eigenen Kommentar schreiben

Artikel kommentieren