Über den verführerischen Verdacht, dass alle immer nur das Eine wollen

13. Mai 2007
Christian Voigt

Es gibt Momente der Desillusion, in denen man sich wie der Protagonist in Stanislav Lems Futurologischem Kongress vorkommt: Man hat das Gefühl, dass nun so langsam die Wirkung eines Halluzinogens nachläßt und man auf einmal die Welt sieht, wie sie wirklich ist: Grau, kalt, naß, stinkend und abstoßend. Solche Gefühle der Entlarvung der Welt werden immer wieder durch den Verdacht hervorgerufen, dass alle in Wirklichkeit doch immer nur Eines wollen. Was hier “das Eine” ist, wechselt von mal zu mal. Mal ist es Sex, mal Geld, mal ist es Anerkennung, mal der Wille zur Macht, mal ist es die Maximierung des Nutzens, mal ist es das nackte Überleben oder die Verbreitung der eigenen Meme oder Gene. Immer jedoch ist es nur eines davon. Und immer gibt einem dieser Verdacht das Gefühl, mit ihm die ganze chaotische Welt des menschlichen Miteinanders und Gegeneinanders in seinem innersten Wesen verstehen zu können und alle naiven Illusionen und Vorurteile endgültig und mit einem Mal loswerden zu können.

Es sind häufig Momente der enttäuschten Erwartungen und der Mißerfolge, die diese Hoffnung auf die endgültige Desillusionierung wecken. Denn häufig kann man Mißerfolg dadurch psychisch bewältigen, dass man sich vom Spielverlierer zum Erkenntnisgewinner macht: Man hat es zwar nicht geschafft, aber immerhin ist man schlauer draus geworden, schlauer vielleicht, als die, die nie scheitern und so nie durch die harte Schule des Lebens gehen. Befreit von unkritischer Naivität. Aufgeklärt, abgeklärt und damit erst wirklich frei zur Entscheidung. Ich hab’s nun kapiert: In Wirklichkeit wollen sie doch alle nur das Eine.

Doch diese Hoffnung auf die endgültige Desillusionierung durch eine zugleich einfache und universelle Erklärung menschlichen Verhaltens ist selbst eine viel größere Illusion, als alle Illusionen, die man mit ihr zu überwinden hofft. Statt sich dem Größenwahn universeller Desillusionierung hinzugeben, sollte man sich lieber mit der aufgeklärten Naivität unserer vielgestaltigen Alltagspraxis zufrieden geben.

Der Verdacht, dass alle immer nur das Eine wollen, erhält in vielen Situtationen seine Nahrung. Er beginnt zunächst mit einzelnen Fällen. Politiker wollen doch nur Macht, Bandmitglieder wollen mit ihrer Musik nur Frauen beeindrucken, Kapitalisten wollen doch nur materiellen Reichtum, Arbeitslose wollen doch gar nicht arbeiten, Männer wollen doch nur Sex, Prominente wollen doch nur Aufmerksamkeit, Jugendliche wollen doch nur provozieren, Altruisten wollen doch nur moralische Überlegenheit, Polizisten wollen doch nur Minderwertigkeitskomplexe kompensieren, die Amerikaner wollen sich doch nur den Zugang zum Öl sichern, ja selbst Hunde wollen doch nur spielen. Für fast jede Personengruppe gibt es die passenden Unterstellungen.

So gefährlich und falsch sie teilweise auch sein mögen — derartige Unterstellungen sind für jede ernsthafte Gesellschafts- und Ideologiekritik unverzichtbar. Grundsätzlich problematisch wird es erst, wenn man sich von der desillusionierenden Erkenntnis, dass viele Menschen eines bestimmten Schlags (Politiker, Manager, Popstars, Hunde) in bestimmten Kontexten manches wollen, zu der monistischen These verleiten läßt, dass alle Menschen im Grunde doch immer nur eines wollen. Denn eine derartige induktive Generalisierung führt nicht nur zu einem Verlust des Erkenntnisgewinns, sondern im schlimmsten Fall zum Verlust jeglicher Kritikfähigkeit. Wenn die Sozial-, Wirtschafts- oder Geisteswissenschaften eine derartig monistische Erklärungsstrategie verfolgen, so eifern sie nicht dem Vorbild der Naturwissenschaft nach, sondern nur ihrem ins Lächerliche übertriebene Zerrbild. Die Reduktion auf eine monistische Theorie ist keine Forderung der Naturwissenschaften, sondern empirisch-pragmatisch inadäquat und deswegen zutiefst unwissenschaftlich. Jede Aussage der Form “Alle machen alles immer nur um ein- und dasselbe zu erreichen” ist deswegen entweder vollkommen leer oder offensichtlich falsch.

Den grundlegenden Fehler erkennen wir, wenn wir zunächst unsere Sprache stark vereinfachen. Stellen wir uns vor, Sprechakte würden nur zum Auseinandersortieren von Äpfeln und Birnen gebraucht. Wir haben einen Experten, der Äpfel von Birnen unterscheiden kann und einen Sortierer, der die Befehle des Experten ausführt. Der Sortierer nimmt aus einem Korb einen Gegenstand und hält ihn vor den Experten. Wenn der Experte “Apfel” sagt, dann legt der Sortierer den Gegenstand auf den rechten Haufen, wenn der Experte “Birne” sagt auf den linken. In diesem Sprachspiel erhält der Begriff “Apfel” nur durch das Auf-Den-Rechten-Haufen-Legen des Sortierers einen Sinn.

Stellen wir uns nun vor, der Experte würde durch jemanden ausgestauscht, der es gewohnt ist, Gemüse von Obst zu trennen. Der Sortierer würde wieder vor diesen Experten hin treten und ihm einen Gegenstand zeigen und der Experte würde nun “Obst” sagen. Der Sortierer wäre genauso schlau wie vorher. Denn in seinem Sprachspiel ist ein Begriff wie “Obst” vollkommen sinnlos. Und der Experte ist vollkommen unfähig, dem Sortierer den Sinn dieses Begriffes in der Abwesenheit von Nicht-Obst, also z.B. Gemüse, beizubringen. Nichts könnte dem Sortierer beweisen, dass der Laut “Obst” bedeutungsvoller gewesen ist, als ein Husten, Rülpsen oder Räuspern.

Zugegeben, das ist ein primitives Beispiel. Stellen wir uns deswegen einen echten Experten vor: Einen Universalgelehrten in menschlichen Angelegenheiten oder wie man früher gesagt hätte: Einen Weisen. Da seine Expertise allgemein anerkannt ist, wird der Weise in Gerichtsprozessen als Sachverständiger zu Gutachten beauftragt. Der Sachverständige bekommt eine genaue Beschreibung des Verhaltens des Angeklagten und empfiehlt dann ein Urteil: Mal empfiehlt er, den Angeklagten laufen zu lassen, mal empfiehlt er, ihn zu einer bestimmten Therapie zu zwingen, mal empfiehlt er, ihn für eine bestimmte Zeit einzusperren. Dass wir es wirklich mit einem Experten zu tun haben, merken wir daran, dass sich die Angeklagten von ihm “durchschaut” fühlen, dass er weiß, wann sie die Wahrheit sagen und wann sie lügen, dass er beurteilen kann, ob sie etwas absichtlich getan haben oder unabsichtlich, dass er sich in sie hineinversetzen kann und ihre Gefühle, Wünsche und Ziele versteht.

Was würden wir nun von diesem Experten in menschlichen Angelegenheiten halten, wenn er auf einmal anfangen würde, in jedem Fall immer dieselbe Maßnahme zu empfehlen? Müssten wir nicht sagen, dass sein Urteil auf genau die gleiche Weise jeglichen Sinn verloren hat, wie das Urteil des Obst-Und-Gemüse-Experten, der beim Sortieren von Äpfeln und Birnen immer nur “Obst” sagt? Müssten wir nicht sagen, dass aus dem Weisen auf einmal ein Narr geworden ist?

Natürlich ist dies immer noch keine gute Analogie. Aber zumindest nähern wir uns dem Ziel: Denn zumindest ein Gebrauch unseres psychologischen Handwerkszeugs besteht darin, zu entscheiden, welche Reaktionen auf das Verhalten anderer gerechtfertigt sind und welche nicht. Wir können das Beispiel beliebig variieren: Stellen wir uns nicht nur so grimmige Anwendungen wie Gerichtsprozesse vor, sondern die Anwendung beim Flirten, beim beruflichen Bewerbungsgespräch, in der Erziehung, im Theater. Gleichgültig an welche Anwendungsgebiete wir denken: Es ändert sich nichts daran, dass wir mit unserer These, dass alle nur das Eine wollen, so lächerlich dastehen, wie ein Quacksalber, der für jedes Gebrechen dasselbe Wundermittel empfiehlt.

In vielen dieser Fälle benutzen wir unser psychologisches Handwerkszeug nicht nur, um zu entscheiden, welche Reaktion moralisch richtig oder den geltenden sozialen Regeln angemessen ist, sondern auch, um das zukünftige Verhalten unseres Gegenübers voraussehen zu können. Wir benutzen die Unterstellung von Absichten, um einschätzen zu können, wie unser Witz ankommen wird, auf welche Weise wir am besten die schlechte Botschaft überbringen, wie wir, ganz allgemein gesprochen, unser Gegenüber dazu bringen, das zu tun, was wir von ihr oder ihm erwarten. Derartige psychologische Zuschreibungen können durch das unterstellte Zusammenspiel mehrerer, häufig miteinander konkurrierender Absichten, zu unvorhersehbaren und dennoch richtigen Prognosen führen. Stellen wir uns nun vor, wir würden wirklich unserem Verdacht, dass alle nur das eine wollen, trauen und allen immer nur noch Eines unterstellen. Wieviel könnten wir dann wohl noch voraussagen?

Nun werden spätestens hier die Ökonomen kommen und für ihre Nutzentheorie den allerhöchsten prognostischen Nutzen reklamieren. Denn schließlich ist die Maximierung des Nutzen nur eine formale Struktur, die erst durch konkrete Präferenzordnungen prognostische Kraft erhält. Genauso könnten die Anerkennungstheoretiker kommen und auf ihre tausendundeine Formen der Anerkennung verweisen. Ist es also nicht vollkommen unfair, hier zu unterstellen, diese Theorien würden versuchen, alles immer nur auf eine Weise zu erklären?

Die Antwort darauf wurde schon gegeben: Entweder die These, dass alle nur das eine wollen, ist offensichtlich falsch oder sie ist vollkommen bedeutungslos. Dass alle immer nur das eine wollen wäre offensichtlich falsch, wenn damit wortwörtlich gemeint ist, dass es in irgendeiner Weise hilfreich wäre auf jede Frage der Form “Was will x?” nichts weiter zu antworten als “Das Eine, so wie alle anderen auch”. Offensichtlich falsch wäre das, weil eine derartige Antwort in keiner Praktik, in der solche Fragen gestellt werden, irgendeinen Sinn hätte. Und noch schlimmer: Wenn wir nicht radikale Konsequentialisten sind, macht uns der psychologische Monismus vollkommen kritikunfähig: Denn wenn jede Handlung auf dieselbe Absicht zurückgeführt wird, verlieren wir die Fähigkeit zwischen guten und schlechten Absichten zu unterscheiden. Entweder wir müssen uns dann vollständig einer Wertung enthalten (das tun z.B. Ökonomen) oder wir müssen alle Absichten kritisieren (eine derartige Tendenz haben manche Verdinglichungstheorien, die allgemein das “Zweck-Mittel”-Denken kritisieren). Es ist also offensichtlich, dass wir uns mit der einfachen Antwort “Jeder tut immer alles um das Eine zu erreichen” nicht zufrieden geben können.

Aber warum wäre die Behauptung vollkommen leer, wenn wir eine komplexere Antwort geben, z.B. die Antwort “x will in dieser Situation die Anerkennungsform 2463 erreichen” oder die Antwort “x präferiert das Güterbündel F vor dem Güterbündel G und will seinen Nutzen maximieren”? Die Antwort ist dieselbe: In diesem Fall können wir zwar diese Antworten genausogut nutzen, wie unser normales psychologisches Werkzeug. Insofern sind diese Antworten nicht einfach falsch. Aber es ist vollkommen naiv, allein aufgrund der Form dieser Aussagen die allgemeine These zu deduzieren, dass “Alle immer nur um Anerkennung kämpfen” oder “Alle immer nur ihren Nutzen maximieren”. Diese abstrakten Aussagen können erst dann sinnvoll abgeleitet werden, wenn sie auch für sich genommen einen empirisch-pragmatischen Sinn ergeben. Denn die Bedeutung der konkreten Aussagen stammt nicht aus der ihnen gemeinsamen Form, sondern aus den mannigfaltigen konkreten Anwendungen dieser Aussagen. Die gemeinsame Form der Aussagen ändert nichts daran, dass wir sie auf vollkommen unterschiedliche Weise gebrauchen. Die Form der Aussagen ist deswegen im schlimmsten Falle irreführend, im besten Fall ist sie so bedeutungslos wie der Fakt, dass bei Nacht alle Katzen grau sind.

Der ganze Reiz des Monismus, seine scheinbare Überlegenheit, löst sich damit in Nichts auf. Nun könnte man noch meinen, dass wir in Fällen, in denen es keinen empirisch-pragmatischen Unterschied zwischen zwei Theorien gibt, die elegantere und einfachere Theorie wählen sollten (so argumentierte z.B. Galileo für die heliozentrische Weltsicht). Und was könnte schließlich einfacher sein, als alles auf dieselbe Weise zu erklären?

Aber dieser Schuss geht nach hinten los. Denn die monistischen Theorien sind nur scheinbar einfacher. In Wirklichkeit sind sie viel umständlicher: Denn zusätzlich zu all den Unterscheidungen, die notwendig sind, um der Vielfalt unserer Praktiken gerecht zu werden, muss den Aussagen eben immer noch eine gemeinsame Form gegeben werden. Die erzwungene Einfachheit muss als zusätzlicher Aufwand gezählt werden. Statt dass wir einfach zwischen 1000 verschiedenen Motivationen unterscheiden, behaupten wir zusätzlich, dass es sich in jedem Fall um eine Form der Anerkennung handelt oder dass wir in jedem Fall Nutzen maximieren. Diese Redeweisen zu bevorzugen ist genauso überflüssig und irreführend, wie statt von Engel, Mensch, Gedicht und Berg auf einmal nur noch von Engeldingsbums, Menschdingsbums, Gedichtdingsbums und Bergdingsbums zu sprechen.

Monistische Theorien menschlicher Motivation beginnen ganz unschuldig: Sie beginnen mit der Erkenntnis, dass eine bestimmte Motivation in vielen Fällen eine bessere Erklärung bietet, als die gemeinhin unterstellte Motivation. Daraus wird dann induktiv auf die generelle Aussage geschlossen, dass alle immer nur aus dieser Motivation heraus handeln. Um diese Generalisierung zu ermöglichen, muss nun aber jede spezifische Motivation so interpretiert werden, dass sie zu einer Spezialform der allgemeinen Motivation wird. In manchen Fällen ist das unproblematisch. In vielen Fällen muss die Bedeutung der allgemeinen Motivation aber derart an die zu interpretierende spezifische Motivation angepasst werden, dass ein Stück der ursprünglichen Bedeutung verloren geht. Je weiter dieser Interpretationsprozess fortschreitet, desto mehr geht vom ursprünglichen Gehalt der These verloren, bis die These am Ende vollkommen inhaltsleer geworden ist. Aus diesem Grund kann man sagen, dass alle Thesen der Form “Alle wollen immer nur x”, gleichgültig, ob man für x “Macht”, “Geld”, “Sex”, “Anerkennung”, “Nutzenmaximierung” oder “Seelenfrieden” einsetzt, exakt denselben Gehalt haben.

Jede monistische Psychologie ist empirisch-pragmatisch inadäquat oder eine Ursache für die Massenproduktion überflüssiger Sprechblasen. Der Verdacht, dass alle immer nur das Eine wollen, ist letzten Endes nicht mehr als eine große Illusion: Die Illusion von der vollständigen Desillusionierung. Fallen wir ihr zum Opfer, dann betrügen wir uns im besten Fall selbst: Die scheinbare Einfachheit ist nur oberflächlich und verdeckt die eigentliche Komplexität. Im schlimmsten Fall verlieren wir aber jede Fähigkeit zur Kritik: Denn, da alle im Guten wie im Schlechten sowieso immer nur Eines wollen, wird alles und nichts kritikwürdig. Es ist in solchen Momenten, in denen wir uns darauf besinnen sollten, dass Naivität, wenn sie Ausdruck einer unvoreingenommenen Urteilskraft ist, auch eine echte Stärke sein kann.

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