Gottesgnadentum und anderer Unsinn im BBC von 21:07-21:12 Uhr, nachdem Sarkozy die französische Präsidentschaftswahl gewonnen hatte.

6. Mai 2007
Eva von Redecker

Während die drei bebrillten Kommentatoren sich gegenseitig in Tautologien ergossen, die ja nach Wittgensteins Tractatus nur der minder unerträglichen Klasse des Sinnlosen zuzuordnen sind, lief in hartnäckiger Endlosschleife ein Sarkozy-Zitat über den Nachrichtenticker, das trotz scheinbar harmlos uninformativer analytischer Wahrheit einen skandalösen Unsinn verriet: Sarkozy: “… will represent all French people.“ Dass er dies explizit zu machen für nötig erachtete ist jedenfalls implizit hochgradig aufschlussreich über sein Verständnis des Präsidentenamts. Bekanntlich ist dem französischen Staatsoberhaupt eine überbordende Machtfülle gewährt - die Entscheidung darüber, wen er zu repräsentieren gedenke, ist nichts desto trotz eine der wenigen, die ihm nicht freisteht. Als rhetorisches Manöver macht sich die Bekundung seit Napoleons Tagen (der allerdings tatsächlich keine legitimierte Repräsentationsfunktion besaß) selbstverständlich gut. Ein zweites Merkmal, dass Sarko mit Napo teilt ist der Status als „Einwanderer“. Obwohl dies in der französischen Politik folglich keine Neuheit ausmachen sollte, wies einer der Kommentatoren auf die revolutionäre Vorurteilsfreiheit und Geistesfreiheit der französischen Wähler_innen hin, die sich darin geäußert habe, dass 53 % für den Spross einer Migrantenfamilie und 47% für eine Frau gestimmt hätten. Ob er, ebenso wie der Präsident der ihn gerade zu repräsentieren anfing, gewisse Verfassungskundliche Bildungslücken hatte und dachte, Le Pen sei auch im zweiten Wahlgang mit aufgestellt gewesen, musste offen bleiben, denn nun wurde live zum Korrespondenten nach Washington geschaltet. Zunächst wurde ein wenig redundantes Geplänkel ausgetauscht, in dem auffiel, dass man als den wichtigsten Faktor für transatlantische Beziehungen anscheinend allseits Bushs Geschmack erachtete: mit Chirac wäre er niemals Busenfreund geworden aber Sarkozy sei sehr viel mehr nach seinem Geschmack. Als ich mich noch fragte, ob das heißen sollte, dass Bush jetzt auf Männer steht, kam eine spektakuläre Neuigkeit ans Licht der Öffentlichkeit. Man habe im Weißen Haus seit Monaten dafür gebetet, dass Sarkozy die Wahl gewinne. Plötzlich war alles klar: deshalb dessen verzweifelte Beteuerungen, das französische Volk zu repräsentieren. Bei seiner Inthronisierung waren ganz andere Mächte im Spiel! Ob wir unter diesen Bedingungen das Ergebnis noch anfechten können?

Ein Kommentar zu “Gottesgnadentum und anderer Unsinn im BBC von 21:07-21:12 Uhr, nachdem Sarkozy die französische Präsidentschaftswahl gewonnen hatte.”

  1. Matthias Kiesselbach 6. Mai 2007 (22:57 Uhr)

    Ja - was hat das mit dem “Repräsentieren” auf sich? Es ist natürlich wirklich eine alte Masche, zu beteuern, man würde alle, alle ohne Ausnahme, repräsentieren. Aber sowohl dieser Beteuerung als auch ihre Zurückweisung erscheinen dubios, so lange nicht irgendwie - zumindest aus dem Kontext - klar ist, worin die gemeinte Repräsentation steht.

    Vielleicht ist das ganze Problem einfach, dass es zwei prominente Sinne von “Repräsentation” gibt. Nach dem einen folgt es in der Tat aus der Wahlentscheidung für Sarkozy, dass letzterer alle repräsentiert. Du wunderst Dich aber vielleicht zurecht, warum er das dann noch sagen muss. Ich finde das nicht allzu merkwürdig, denn so eine Wahl generiert einfach Gerede ohne Ende, und tausend unnötige Sachen werden nach so einer Wahl ständig gesagt. Aber wie gesagt, vielleicht hast Du recht, und es _ist_ hinreichend merkwürdig, um die Aussage auf die zweite Weise zu interpretieren: Dann ist die Repräsentation eine sehr viel substanziellere Tatsache, die wohl (am plausibelsten) mit der Überschneidung oder gar Identität von Überzeugungen oder von Interessen von Sarkozy einerseits und allen Franzosen andererseits zu tun hat. In beiden Punkten (Interessen und Überzeugungen) würden sich sicher viele gegen Sarkozy’s Repräsentationswillen verwahren - je nach dem, welche Interessen und Überzeugungen hier überhaupt maßgeblich sind. Aber ich glaube auch: egal, um wie viele es geht: Sarkozy kann einfach nicht alle Franzosen in diesem Sinne repräsentieren.

    Das ganze ist also wirklich ein gewisses Problem, aber ein - wie ich finde - schnell geklärtes. Denn wenn Sarkozy einfach so interpretiert wird, dass er beteuert, alles tun zu wollen, sich dem Ziel der vollen Repräsentation anzunähern, dann sagt er eigentlich nichts anderes als so gut wie alle demokratisch gewählten Politiker auf der ganzen Welt. Sie wollen nicht nur für diejenigen sprechen, die sie gewählt haben, sondern für die gesamte “constituency”. Ich finde nicht, dass _das_ notwendigerweise Augenwischerei sein muss.

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