Archiv des Monats Mai 2007

Was ist geschmackloser: Realität oder Reality-TV? Die moralische Entrüstung über Endemols Nierenshow

von Christian Voigt
Donnerstag, 31. Mai 2007

“Eins, zwei oder drei, letzte Chance vorbei!” wird es Freitag im holländischen Fernsehen für drei Kandidaten heißen, die gegeneinander antreten, um eine Niere zu gewinnen, die jeder von ihnen zum Überleben braucht. Die todkranke Nierenspenderin “Lisa” wird die Kandidaten während der Sendung befragen, Zuschauer können über SMS abstimmen und am Ende wird “Lisa” entscheiden, wer mit der Niere nach Hause gehen darf. Produziert wird die Sendung von der Produktionsfirma Endemol, die auch schon Big Brother erfunden hat.

Die Reaktionen waren natürlich voraussehbar:

Such shows should simply be banned! These people have no morality!! They should be punished for broadcasting this shows!! Disgusting!! Morality is on the decline!

“Aus dem Organhandel eine TV Show zu machen ist so unfassbar ekelhaft, dass die Idee nur aus dem Hause “Endemol” kommen kann. (…) Ich wiederhole mich gerne noch mal: Das ist an Zynismus nicht zu überbieten.”

Die Geschmacklosigkeit von “Privat-Fernsehen” kennt offenbar keinerlei Grenzen.
Es kann einem nur übel werden, wenn man das liest und in der Tat, es sollte verboten sein, Gefühle und Nöte von Menschen in einer so widerlichen Art und Weise auszuschlachten.

Ein weiterer Schritt, aber ein großer, in eine Welt ohne Moral…

Den Artikel braucht man wirklich nicht zu Ende lesen. Das ist so unglaublich, wie da mit der Hoffnung der Menschen gespielt wird. Pfui Teufel aber auch noch mal.

wir nähern uns dem niveau der römischen cirkusspiele.

der tiefpunkt ist endgültig erreicht! kranke menschen um ein organ ’spielen’ zu lassen. allein der gedanke ist widerwaertig!

Der Fall scheint eindeutig zu sein. Unsere moralischen Intuitionen lassen keine Zweifel zu: Diese Sendung ist geschmacklos, sie ist zynisch, menschenverachtend, die Produzenten wollen nur Quote machen, usw.

Solche Fälle sind auf der einen Seite natürlich deprimierend, weil wir an ihnen erkennen, wie schlecht es um die Welt bestellt ist. Aufgrund ihrer Einfachheit sind sie aber auch wieder beruhigend. Denn das erkannte Übel in der Welt wird durch die Stärke unserer moralischen Emotionen kompensiert, die uns versichern, dass zumindest mit uns selbst noch alles in Ordnung ist. Es ist klar, dass wir an dieser emotionalen Selbstvergewisserung hängen und deswegen die Berechtigung einer einmal gefühlte Entrüstung nur noch ungern in Zweifel ziehen. Moralische Intuitionen beziehen ihre Kraft nicht einfach nur aus ihrer intersubjektiven Wahrheit, sondern zu einem wesentlichen Teil auch aus diesem subjektiven Mechanismus der Selbstverstärkung.

Im Fall der Nierengewinnshow lässt uns diese vorauseilende Selbstgewissheit den eigentlichen Sachverhalt nur noch verschwommen erkennen (manche lesen nach dem ersten Absatz des Artikels im Vertrauen auf ihre innere moralische Stimme wahrscheinlich wirklich nicht mehr weiter). Wie kompliziert die Sache in Wahrheit ist, zeigte sich in einer mal wieder hervorragenden Folge von “World Have Your Say” auf BBC World (kann hier nachgehört werden). Bevor die Hörer zu Wort kamen, wurde Laurens Drillich, Vorsitzender des holländischen Senders BNN interviewt. Es folgt ein fast komplettes Transskript:

“We very much agree that it’s bad taste, but we also believe that reality is even worse taste. I mean it’s going very, very bad with donorship in the Netherlands. We as a broadcaster BNN had someone who started our company, who needed kidneys and was on a waiting list and died eventually at the age of 35. That happened five years ago, and in the last five years the situation has only gotten worse in Holland.”

“Mr. Drillich, you could have made a documentary about organ transplants.”

“No, no, that’s not true. No one would have watched a documentary.”

“So you are making entertainment of it?”

“Yes.”

“And you have no misgivings about it at all?”

“No, not at all, we really want everyone to talk about this, we want this to be an issue, and we achieved this since last Friday when we sent out the press release, people have been talking about donorship in the Netherlands constantly, so we already achieved one of our goals”

“You are making a game out of life and death, aren’t you?”

“No, not at all, I’ll put it to you very differently. For the people who are participating in this show which are three people who do need a donor and who are on a waiting list, their life is a daily lottery, their life is a daily hell, because they have no idea when they are going to receive something and they also see this numbers go down and down and down. We ask for attention for their cause. So, that is the issue, that is why we are doing this.”

“One person will end at the show with the chance of an extended life, two will not.”

“That’s the chance of 33 percent which is a lot lot better than it is in their actual life. It is not only a live show they are in for one and a half hour, this is their life show this is daily life for them. They know very well what they are going to be doing and they want attention for this kind of stuff as well.”

“And you are asking television viewers to help decide who might live and who might die?”

“Well, what we thought about is, I mean, this is 2007 and we are a broadcaster that caters to a young audience, it would be kind of strange not to make this interactive. There is going to be a couple of interactive things. People can ask for a donorship through sms, they can also give their opinion, and they can also let know who they think deserves the kidney most of all. So it’s just a way of making interaction with the audience but the audience in the end is not going to decide, what Lisa is going to do (the girl who is going to give up her kidney).”

(…)

“Is she being paid to participate by your station?”

“Ah no, are your crazy? We are a public station, we don’t pay anyone.”

Alle Werbeeinnahmen der Sendung werden übrigens gespendet (laut der taz).

Was machen wir nun mit unserer ursprünglichen Intuition? Ignorieren wir einfach die zusätzlichen Informationen als irrelevant? Wir können z.B. die vorgebrachten Argumente als “vorgeschoben” betrachten und den Produzenten un- oder amoralische Intentionen unterstellen. Aber das ändert nichts daran, dass die Dinge komplizierter sind, als es zunächst schien.

Verzichten wir auf Unterstellungen, dann bleibt uns die Möglichkeit, die vorgebrachten Argumente anzugreifen. Das Hauptargument läuft ungefähr so:

  1. Es müssen mehr Nieren gespendet werden.
  2. Es werden nur dann mehr Nieren gespendet, wenn mehr Leute über Nierenspenden informiert werden.
  3. Der effektivste Weg mehr Menschen über Nierenspenden zu informieren, besteht darin, durch eine geschmacklose Spielshow, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll, ihre Aufmerksamkeit zu wecken.
  4. Wenn x herbeigeführt werden soll und dies nur oder am effektivsten dadurch geschehen kann, dass y herbeigeführt wird, dann muss y herbeigeführt werden, solange y oder Folgen von y nicht schlimmer sind, als das Ausbleiben von x.
  5. Es ist geboten eine geschmacklose Spielshow zu senden, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll, solange das nicht schlimmer ist, als ein Ansteigen der Nierenspenden zu behindern.
  6. Eine geschmacklose Spielshow zu senden ist nicht halb so schlimm, wie ein Ansteigen der Nierenspenden zu behindern.
  7. Es ist geboten eine geschmacklose Spielshow zu senden, in der eine Niere gewonnen werden kann und die Zuschauer darüber abstimmen können, wer sie gewinnen soll.

Das Erstaunliche an diesem Argument besteht darin, dass es bis zur Zwischenkonklusion durchaus plausibel ist. Gerade Prämisse 3, die zunächst zweifelhaft erscheint, bewahrheitet sich paradoxerweise gerade durch die skandalisierende Kritik dieser Prämisse in den Medien. Wer seine moralische Empörung rationalisieren will, der muss deswegen die letzte Prämisse angreifen. Und hier lassen sich nun alle Ausrufe der Entrüstung erneut vorbringen: “Geschmacklosigkeit”, “Respektlosigkeit”, “Zynismus”, “Menschenverachtend” usw.

Allein: All diese Vorwürfe sind zwar durchaus berechtigt, reichen aber kaum aus, um die eigentliche Behauptung zu widerlegen. All das wird ja nicht abgestritten. Es wird nur behauptet, dass man beim Abwägen des Für und Widers zu dem tragischen Ergebnis kommen muss, dass all das weniger zählt, wenn es um Tod oder Leben für nierenkranke Patienten geht.

Der rationale Grund für unsere moralische Empörung liegt also weniger im Zynismus von holländischen Fernsehproduzenten als viel eher, wie Drillich sagt, in der Geschmacklosigkiet der Welt. Unsere moralische Empörung wird durch diese Einsicht nicht verschwinden. Aber als rationale Menschen müssen wir mit ihr umgehen, wie mit einer Wut, die wir nicht herauslassen dürfen, wenn wir es uns nicht grundsätzlich mit einem guten Freund verscherzen wollen.

Dopium fürs Volk

von Matthias Kiesselbach
Mittwoch, 30. Mai 2007

Die moralische Entrüstung ist – völlig zurecht – eine unserer liebsten Emotionen. Nicht nur ist sie ein im höchsten Maße befriedigendes Gefühl. Sie ist darüber hinaus ein ganz erstklassiger Motivator. Oft hört man von gewöhnlichen Menschen, die durch eine kleine Prise moralischer Entrüstung zu den wundervollsten Diensten an der Menschheit befähigt werden.

In dieser Hinsicht ist die moralische Entrüstung dem Doping nicht unähnlich – wenn auch letzteres nicht zu Diensten an der Menschheit befähigt, sondern höchstens zu ein paar zusätzlichen Kilometern auf dem Fahrradsattel. Dennoch verstehe ich einfach nicht, wieso wir das edle Gefühl der Entrüstung gerade im Radsport, und gerade wegen des Dopings verschütten. Kübel für Kübel leeren wir über Radfahrern aus, weil sie mit chemischer Hilfe ihre Ausdauer in der gut bezahlten Rundfahrt durchs Nachbarland etwas erhöht haben. Gibt es nicht (so möchte man ausrufen) würdigere Anlässe zur Ausschüttung dieser feinen Emotion?

Manchmal, wenn uns solche Fragen quälen, hilft ein fragender Blick zum zuständigen Minister. Das ist im vorliegenden Fall Wolfgang Schäuble, und der lässt mit seiner Wortmeldung dazu nicht lange auf sich warten. “Doping zerstört die Werte des Sports. Seine Glaubwürdigkeit, Vorbildfunktion und die öffentliche Akzeptanz insgesamt stehen auf dem Prüfstand.”

Nun. Eine direkte Antwort auf unsere Frage war das nicht. Aber es klingt nach einer dicken Schicht Empörung, und wenn Schäuble empört ist, dann wird er ja gute Gründe dazu haben. Sicher sind das die gleichen Gründe, die die Große Koalition jetzt veranlassen, im entsprechenden Gesetzentwurf zehn Jahre Haft für den systematischen Handel mit Dopingsubstanzen anzusetzen. (Ich wiederhole: Zehn.) Und auch den Besitz kleiner Mengen an Dopingmitteln unter Strafe zu stellen. Den Grünen geht das Gesetz übrigens nicht weit genug. Ihr Abgeordneter Winfrid Hermann fordert einen Straftatbestand des “Sportbetruges”. Kurz und gut: Alle sind entrüstet, und jetzt wird was getan.

Doch was ich an dem ganzen Theater (aufrichtig) nicht verstehe, ist dies: Wenn das Strafrecht jetzt in dem Feld der Unterhaltung der Massen Einzug hält, wieso wurde dann nichts unternommen, als herausgekommen ist, dass Milli Vanilli gar nicht singen konnten? Sind da etwa keine Werte zerstört worden? Stand da etwa nicht die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel? Die Vorbildfunktion?

Die Entertainment-Branche. Ich verstehe sie einfach nicht.

Objektiv

von Matthias Kiesselbach
Dienstag, 29. Mai 2007

Ahoi Polloi Objektiv

aus Ahoi Polloi.

Einige Platitüden zum Hintergrund der Frage, ob wir nach Heiligendamm fahren sollten oder nicht

von Matthias Kiesselbach
Sonntag, 27. Mai 2007

Die politische und ökonomische Welt ist zu komplex, als dass Menschen sie wirklich verstehen könnten. Wir können Szenarien und Entwicklungsgesetze modellieren und Prognosen machen, aber unsere Theorien sind immer nur sehr beschränkt verwendbar. Ähnlich wie in der Meteorologie stoßen wir in der Ökonomie und der Politik schnell an unsere kognitiven und informationellen Grenzen. Wir wissen zum Beispiel nicht wirklich, welche der globalen Ungleichheiten eher auf freie Märkte und welche eher auf Marktversagen zurückgehen. Wir wissen nicht wirklich, wann Entwicklungshilfe ein Segen ist und wann ein Entwicklungshemmnis. Wir wissen nicht wirklich, wann schnell transferierbare, große Mengen an Kapital Effizienzgewinne versprechen und wann Effizienzverluste. Wir wissen sehr wenig, und wir, das sind wir alle - inklusive unserer Wissenschaftler, Meinungsführer und Staatenlenker.

Wer, wie ich, skeptisch in Bezug auf die Erfolgsbilanz in der politischen und ökomomischen Komplexitätsreduktion ist, der muss aber ganz sicher nicht die radikale These unterschreiben, dass alle Formen von Komplexitätsreduktion gleichermaßen wertlos sind. Einen solchen Schluss zu ziehen wäre eine ähnliche Selbsttäuschung wie der entgegengesetzte Weg des unkritischen Vertrauens in unser Verständnis der komplexen Vorgänge. Ob skeptisch oder nicht: Wollen wir ehrlich mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen sein, dann kommen wir nicht umhin, uns die Hände schmutzig zu machen im schwierigen Geschäft der Komplexitätsreduktion selber, im Formulieren und Zurückweisen und Verfeinern von Argumenten für dies und gegen jenes. Sicher erreichen wir damit nicht das Paradies auf Erden. Aber selbst eine bessere Kenntnis der einen oder anderen Variable in der einen oder anderen Gleichung könnte sich als hilfreich erweisen. Viel mehr ist leider für uns nicht drin.

So weit so unkontrovers. Doch was folgt aus dieser nüchternen Diagnose? Man könnte versucht sein, in ihr eine Unterstützung für zwei Thesen zu sehen. Die erste besagt, dass es in einer so schwierig zu verstehenden Welt wie der unseren prinzipiell unangebracht ist, Kritik am Handeln anderer zu üben. Die zweite besagt, dass es zwar bedauerlich ist, dass auch schwierig zu verstehende Welten sehr konkretes Unglück und Leiden generieren, aber dass es wenig nützt, dies zu beklagen. Natürlich sind beide Schlüsse abzulehnen. Aber es ist ganz bestimmt kein Fehler, einmal darüber nachzudenken, warum sie sich so aufdrängen. Vielleicht ist ja an ihnen nicht nur Falsches?

Es ist doch so: Wenn wir andere Leute (zum Beispiel Politiker) interpretieren, dann sollten wir nicht von vornherein davon ausgehen, dass sie böse, dumm oder ignorant sind. Es kann durchaus sein, dass einer dieser Befunde sich am Ende als angemessen erweist, aber er sollte nicht als Anfangshypothese benutzt werden. Interpretation funktioniert nur dann, wenn wir davon ausgehen, dass andere Leute prinzipiell so ähnlich ticken wie wir und in etwa das wissen, was auch wir wissen - oder, mit Donald Davidson gesagt: dass sie “believer[s] of truths and lover[s] of the good” sind. In etwa so lautet sein berühmtes “Principle of Charity”. Ich denke, dass das Richtige am ersten dubiosen Schluss nun dies ist: Die Annahme unserer kognitiven und informationellen Beschränktheit erweitert das Davidsonsche Interpretationsprinzip um ein Bescheidenheitsgebot. Das Prinzip fordert nun in etwa folgendes: Im Kontext von unsicheren und kontroversen Theorien, gehe zuerst davon aus, dass eine theoretische Meinungsverschiedenheit darüber vorliegt, wie die geteilten abstrakten Ziele am besten zu verwirklichen sind. Gehe dabei davon aus, dass du auf ebenso wackeligem Boden stehst wie dein Gegenüber. Erst, wenn sich dies als falsch erweist, mache deine unschmeichelhafte Zuschreibung von Ignoranz oder Dummheit. Im übrigen sei genau so sparsam mit der ‘böse’-Zuschreibung wie in klareren Kontexten.

Auch an der zweiten dubiosen These ist vielleicht bei allem Falschen etwas Richtiges dran. Natürlich darf und soll Unglück und Leiden immer beklagt werden, wo es auftaucht. Es ist immer besser, wenn Unglück bekannt ist, als wenn es totgeschwiegen wird. Dabei ist nur zu bedenken, dass die Klage mit zunehmender kognitiver und informationeller Beschränkung immer weniger von einer Anklage und immer mehr von einem Schrei oder einem Stöhnen hat. Daran ist nichts zu “kritisieren” (wenn auch zu “bedauern”), es ist nur gut, wenn uns dies klar ist.

Ich glaube, dass ich nichts Falsches sage, wenn ich behaupte, dass die so bereinigten Thesen sich irgendwie auf die Fragen auswirken, ob und wie wir in Heiligendamm demonstrieren sollten.

Warum es richtig ist, nach Heiligendamm zu fahren

von Eugen Pissarskoi
Sonntag, 27. Mai 2007

Ich gebe zu – in Szenelokalen herumhängende Plakate und an der Uni verteilte Flyer machen es nicht leicht, gute Gründe dafür zu finden, nach Heiligendamm zu fahren. Deswegen schlage ich vor, sich anfangs vor Augen zu führen, ob es überhaupt gute Gründe gibt, an einer Demonstration teilzunehmen. Anschließend können wir uns überlegen, ob wir aus diesen Gründen zu G-8 Protesten fahren sollen.

Wozu sind Demons da? Häufig sagen Teilnehmer von Demonstrationen solche Sätze wie „Ich demonstriere für X (gegen Y)“: für Menschenrechte, gegen den Irak-Krieg, für ein anderes Russland, gegen den Arbeitsplatzabbau usw. Was kann es nun bedeuten, wenn Menschen zum Beispiel gegen den Arbeitsplatzabbau demonstrieren?
Sie könnten den Aufwand einer Demonstation betreiben, um eine politische Forderung zu stellen: „Baut die Arbeitsplätze nicht ab!“ bzw. „Baut sie wieder auf!“. Wichtig ist es nun zwischen zwei Arten von Forderungen zu unterscheiden: sinnvolle und nicht-sinnvolle. Sinnvolle Forderungen sind diejenigen, von denen (mit nachvollziehbaren Gründen) erwartet werden kann, dass sie umgesetzt werden können, oder über die der Fordernde aufrichtig sagen kann, dass er Anstrengungen dafür unternehmen würde, die Forderung umzusetzen, wenn er in der Situation wäre, über ihre Erfüllung zu entscheiden. Nicht-sinnvolle – oder sagen wir: populistische – Forderungen sind diejenigen, von denen nicht erwartet werden kann, dass sie umgesetzt werden können und auch der Fordernde sich zugestehen muss, dass, wenn er der Entscheidungsträger wäre, er die Forderung nicht umsetzen würde. Beispielsweise ist die Forderung „Grenzen zu öffnen“ aus dem Munde vieler Menschen populistisch, da nur sehr wenige wirklich bereit wären, all die Konsequenzen zu akzeptieren, die aus einer Öffnung der Grenzen auf sie zukämen.
Der soweit angedeutete Unterschied zwischen sinnvollen und populistischen Forderungen ist noch schwammig, sodass wir über viele Forderungen nicht wirklich urteilen können, ob sie sinnvoll oder populistisch sind. Aber lassen wir uns nicht dadurch stören. Was wir aus dieser Überlegung gelernt haben, ist das Folgende: Wir können Demonstrationen als Veranstaltungen ansehen, auf denen öffentliche Forderungen gestellt werden. Diese Forderungen sollten sinnvoll sein und es gibt gute Gründe dafür, populistische Forderungen nicht zu mögen (die habe ich nicht genannt, da ich denke, dass das nicht kontrovers ist).

Forderungen zu stellen ist jedoch nicht der einzige rationale Grund, aus dem Menschen an Demonstrationen teilnehmen. Manche politischen Phänomene sind derart komplex, dass nicht viele von uns sind in der Lage, konkrete Forderungen bezüglich dessen zu stellen, wie auf solche Phänomene politisch reagiert werden soll. Die Globalisierung ist ein Beispiel hierfür.
Wenn man uns Alltagsmenschen fragt, was Globalisierung ist, fällt uns eine sinnvolle Antwort schwer. Viele Menschen verbinden aber mit der Globalisierung politische Entwicklungen, die sie für höchst ungerecht halten: die Konkurrenz der Löhne nach unten, die Erosion der Sozialstandards, die Macht des Kapitals, ein Welthandelssystem, das arme Länder benachteiligt. Bei vielen dieser Entwicklungen ist es strittig, inwieweit sie wirklich eintreten, und inwieweit sie mit Globalisierungsprozessen zusammenhängen. Unklar ist es auch, ob und wie sie gesteuert werden können. Aber: Es gibt Gründe für die Vermutung, dass die Globalisierung zu ungerechten gesellschaftlichen Ordnungen führt. Zu Ordnungen, wie wir sie nicht haben wollen. Und: Diese Vermutung reizt ein zentrales menschliches Organ – unser Gerechtigkeitsempfinden. Weil die Institutionen, die von den Prozessen der Globalisierung betroffen werden, sehr wichtig für uns, für unser gutes Leben sind, wird unser Empfinden stark affiziert. Wir verspüren Groll und wollen unseren Groll zum Ausdruck bringen. Hierzu versammeln wir uns zu Anti-Globalisierungs-Demonstrationen.

Wie lassen sich nun die G-8-Demonstrationen einordnen? Ich glaube, sie dienen nicht so sehr dazu, Forderungen zu stellen, sondern seinem Groll in Bezug auf die Politik der G-8-Regierungen einen lauten Ausdruck zu verleihen. Die Politik der führenden Wirtschaftsnationen im Hinblick auf den Klimawandel, auf die Nord-Süd-Beziehungen, internationale Sicherheit (Irak-Krieg, Afghanistan), internationales Finanzsystem verletzt das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen. Deswegen gehen sie demonstrieren.

Bisher haben wir jedoch lediglich eine faktische Beschreibung dessen gefunden, warum Menschen nach Heiligendamm fahren. Wir wollen aber eine normative Frage beantworten: Ist es auch richtig, sich einer Demonstration anzuschließen, die nicht dazu da ist, um sinnvolle Forderungen zu stellen, sondern um Ausdruck einem verletzten Empfinden zu verleihen?
Zwei Argumente fallen mir ein, warum dies richtig ist. Das eine ist historisch, das andere systematisch.
Ich finde es gut, dass im 18. und 19. Jahrhundert Demonstrationen für die Einführung einer demokratischen Ordnung stattfanden. Ich glaube nicht, dass die Demonstranten damals sinnvolle Forderungen stellten. Vielmehr scheint es mir, dass ihr Gerechtigkeitsgefühl verletzt war: Die Menschen sahen ein, dass es ungerecht ist, wenn die Staatsgewalt vererbt wird, anstatt durch die Mitglieder einer Nation legitimiert zu werden. Der Groll über diese Verhältnisse trieb Menschen auf die Straße, auch wenn sie nicht genau wussten, wie eine Gesellschaft aussehen wird, in der Staatsgewalt durch das Volk gewählt wird. Ich möchte diesem Argument nicht allzu viel Gewicht beimessen, da es auf meinem historischen Vorwissen basiert, das ich nicht überprüft habe. Einschlägiger finde ich das zweite Argument.
Ich halte es für richtig und wichtig, auf die Straße zu gehen, wenn man das Gefühl hat, dass die politische Ordnung ungerecht oder nicht richtig ist. Ich halte es auch dann für richtig, seinem Groll über ungerechte politische Ordnungen Ausdruck zu verleihen, wenn man nicht genau weiß, wie diese Ordnung beseitigt werden kann. Insbesondere wenn es um Eigenschaften der politischen Ordnung geht, die die Realisierung unserer Vorstellung vom guten Leben stark beeinflussen und damit unser Gerechtigkeitsempfinden intensiv reizen. Das erscheint mir als richtig, weil es zu meiner Vorstellung einer guten gesellschaftlichen Ordnung gehört: Darunter stelle ich mir vor, dass eine Regierung von den Menschen, über die sie regiert, kritisch beobachtet und kontrolliert wird. Ihr Urteil darüber, wie gut sie regiert werden, müssen die Menschen natürlich auch äußern können. Und Demos sind ein tolles Mittel, mit dem Menschen glaubwürdig ihre Unzufriedenheit (oder auch ihre Zustimmung) kommunizieren können.

Wenn wir die G-8 Proteste als einen Ausdruck des Gerechtigkeitsemtpfindens sehe, drängt sich der Vorwurf der Irrationalität auf: Eine Veranstaltung, auf der Menschen ihre Gefühle, Empfindungen und Wünsche ausdrücken, ist nicht rational. Nicht rationale Massenveranstaltungen sollen nicht gutgeheißen werden. Ergo sollen auch die G-8 Demonstrationen abgelehnt werden.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit der ersten oder der zweiten Prämisse dieses Einwandes nicht einverstanden bin. Ich bin mir aber sicher, dass eine von beiden nicht stimmt. Das Gerechtigkeitsempfinden ist kein Gefühl, das durch äußere Reize ausgelöst wird. Wir können Gründe dafür nennen, warum eine Situation, auf die unser Groll gerichtet ist, ungerecht ist. In einem gewissen Sinne ist daher das Gerechtigkeitsempfinden rational. In einem gewissen Sinne aber auch nicht: Denn wir können nicht genau sagen, was getan werden soll, um die vielen Ungerechtigkeiten, die wir den G-8 Regierungen ankreiden, zu verändern. Beispielsweise könnte die Bundesregierung argumentieren, dass sie alles in ihrer Macht Mögliche unternimmt, um Klimaschutzpolitiken zu initiieren, armen Ländern zu helfen, Finanzmärkte transparenter zu gestalten etc. Damit würde sie den Demonstranten so etwas wie Populismus oder Irrationalität vorwerfen: Auch ihr, Demonstranten, würdet an unserer Stelle die von Euch getadelten Misstände nicht besser beseitigen können als wir es tun. Ihr strebt etwas an, was nicht erreicht werden kann, und das ist verwerflich (oder populistisch oder irrational).
Dieser Vorwurf der Irrationalität ist zum einen problematisch, da der Wahrheitsgehalt seiner Prämissen sehr schwer zu überprüfen ist. Gewöhnliche Menschen haben keinen Einblick in die Arbeit der Diplomaten, dieser wäre aber nötig, um zu überprüfen, ob die Diplomaten wirklich alles in ihrer Macht Stehende erreicht haben. Unabhängig von dieser Schwierigkeit möchte ich aber auf ein anderes, viel gewichtigeres Problem der Aussage „Es ist unsinnig, etwas anzustreben, was nicht erreicht werden kann“ aufmerksam machen. Diese Aussage ist wahr, wenn wir über die natürliche Welt reden: Es ist beispielsweise idiotisch anzustreben, ohne Hilfsmittel auf den Mond zu springen. Wenn wir jedoch über die Politik reden, bezweifele ich, dass diese Aussage immer stimmt. Denn in der Politik hängt oft dasjenige, was politisch erreicht werden kann, sehr stark davon ab, ob es auch von vielen Menschen angestrebt wird. Wenn nun – und damit sind wir bei den G-8 Protesten – die gesamte Bevölkerung Deutschlands nach Heiligendamm fahren würde und demonstrieren würde, dass sie eine andere Klimaschutzpolitik, ein anderes Finanzsystem, Veränderungen der Welthandelsbeziehungen etc. anstrebt, würde sich der politische Spielraum verändern. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in diesem Fall es politisch realistisch wäre, zum Beispiel Steuern zu erhöhen, um die Ausgaben für die Entwicklungshilfe zu steigern oder viel entschiedener in internationale Verhandlungen zu gehen.

Halten wir inne und schauen uns kurz an, wohin uns die Überlegungen geführt haben. G-8 Demonstrationen sind nicht dazu da, um politische Forderungen zu stellen, sondern sie dienen der Artikulation des Grolls, der aus dem verletzten Gerechtigkeitsempfinden entsteht. Ich halte es für richtig, diesem Groll Ausdruck zu verleihen, weil damit die Menschen der Regierung auf die Finger klopfen und sie darauf hinweisen, die politischen Entscheidungen so zu gestalten, dass unser Gerechtigkeitsempfinden nicht gereizt wird. Selbst wenn die Demonstranten keine konkreten Vorschläge haben, wie eine gerechte politische Ordnung erreicht werden kann, machen ihre Demonstrationen Sinn, da sie den Raum des politisch Realisierbaren erweitern und damit Möglichkeiten neuer Wege zu einer idealen politischen Ordnung schaffen.

Ich vermute, dass die eine oder andere Leserin sich fragt, was das alles mit den Protesten zu tun hat, die tatsächlich stattfinden werden. Dort soll es ja gegen die G-8 gehen, gegen den Kapitalismus (interventionistische Linke) und für eine solidarische Wirtschaftsordnung (attac) – keiner ruft zumindest dazu auf, nach Heiligendamm zu fahren, um seinen moralischen Intuitionen einen Ausdruck zu verleihen.
Zwei Antworten kann ich darauf geben:
Zum einen fällt es mir schwer zu glauben, dass es Menschen gibt, die ernsthaft behaupten: „Ich bin dagegen, dass Staatschefs von führenden Wirtschaftsnationen sich miteinander treffen und reden“. Ich glaube vielmehr, dass Slogans wie „Anti G-8“ politische Sprechblasen sind, die erst mit Inhalt gefüllt werden müssen.
Zum anderen hängt es von uns ab, wie die Proteste tatsächlich aussehen werden. Selbst wenn es stimmt, dass dorthin sehr viele Menschen mit abstrusen Zielen und Forderungen hinfahren werden, ist es kein Argument dagegen, mit gerechtfertigten Zielen hinzufahren. Mir drängt sich eine Analogie zu Wahlen auf: Je geringer die Wahlbeteiligung, umso besser sind meist die Ergebnisse von extremen Parteien. Um das zu verhindern, fordert man, dass sich möglichst viele Menschen an der Wahl beteiligen.
Jemand, der argumentiert, dass sie nicht nach Heiligendamm fährt, weil die Proteste von Menschen dominiert werden, deren Ziele sie nicht teilt, gerät in einen seltsamen Zirkel: Sie protestieret nicht, weil die anderen die Demonstrationen dominieren, sie dominieren aber, weil sie (und ihr gleichgesinnte) nicht protestiert.

Warum ich nicht nach Heiligendamm fahre

von Matthias Kiesselbach
Dienstag, 22. Mai 2007

Der G8-Gipfel steht an, und alle fahren hin, um zu demonstrieren. An so gut wie jeder Straßenecke zupft einem jemand am Ärmel und legt einem ans Herz, auch „gegen die G8“ zu sein. Mich beunruhigt das, und ich will hier schreiben, warum.

Eine Demonstration hat den Charakter einer sprachlichen Äußerung. Ich weiß natürlich, dass Demonstrationen mehr sind als bloß das. Sie sind immer auch Happenings, Machtbeweise, Drohungen, Kommunikationsplattformen, Rituale, Partnerschaftsbörsen und vieles mehr. Aber niemand wird bestreiten, dass ihr Zentrum in der Äußerung einer Behauptung besteht. Diese kann natürlich pragmatisch als Forderung daherkommen, aber sie bleibt zumindest als Behauptung formulierbar: „Wir wollen unsere Jobs nicht verlieren.“, „Die Welt muss gerechter werden.“, „Der Parkplatz darf nicht gebaut werden.“, und so weiter.

Mein Problem mit den G8-Demos ist, dass ich trotz sorgfältiger Recherche, trotz intensiven Nachdenkens und trotz aufrichtiger Anwendung des Principle of Charity nicht zu einem wirklich plausiblen Ergebnis darüber komme, was sie eigentlich genau behaupten, was sie genau fordern. Freilich werden dem interessierten Demonstranten auf dem Marktplatz der Standpunkte etwa tausend Forderungen in allen Farben und Formen und Geschmacksrichtungen feilgeboten, und viele davon habe ich auch schon betastet und probiert. Aber wenn diese Forderungen erstens ganz unterschiedlich und zweitens in einem nicht unerheblichen Grad inkonsistent sind, was machen wir dann aus ihnen? Kaufen wir alle? Kaufen wir die maximale konsistente Menge? Kauft sich einfach jeder seine Lieblingsforderung? Und lässt die anderen kaufen, was sie wollen?

Wenn eine Demonstration zu viele Positionen unter einem Dach versammelt, weil ihr Ziel zu unklar umrissen ist, dann gibt es zwei offensichtliche Probleme. Erstens ist damit zu rechnen, dass viele der Forderungen, die im Vor- und Umfeld der Demonstration zu vernehmen sind, unangebracht und dubios sind. Zweitens macht es die schiere Menge an Forderungen schwierig zu analysieren, worin die semantische Signifikanz des Mitmarschierens überhaupt besteht. Ich stelle mir immer einen wohlmeinenden, demokratisch gesinnten Entscheidungsträger vor, der am Straßenrand steht und die Demonstration beobachtet – und ganz niedergeschlagen ist, weil er überhaupt keine Ahnung hat, was sie wohl von ihm verlangt. Ich finde, dies ist ein sehr tragischer Gedanke, und einer, der im Kontext der G8 noch zusätzliche Tragik dadurch erhält, dass die Demonstranten ihm eine Rhetorik und einen Gestus der Empörung und der Wut entgegenschleudern. Was würde ich machen, wenn ich in seiner Haut steckte? Ich glaube, ich würde nach Hause gehen und lieber in die Zeitung als auf die Straße gucken. Und erst dann wieder herauskommen, wenn eindeutigere Demos vorbeiziehen.

Werfen wir zunächst einmal einen Blick auf das Angebot an Forderungen zum G8-Gipfel. Die einen richten sich gegen das informelle Treffen mächtiger Staatschefs und Minister als solches, die zweiten sind gegen die Agenda des diesjährigen Gipfels, die dritten sind gegen die ihrer Meinung nach unzureichenden Anstrengungen der G8 im Kampf gegen Armut und Umweltverschmutzung, und die vierten sind gegen den Zaun und die Bannmeile. Das passt alles zusammen? Dann nehmen wir noch diejenigen hinzu, die eher gegen solche Dinge sind wie die zu erwartenden Bemühungen einiger G8-Staaten, straffere Regeln für die internationalen Finanz- und Kapitalmärkte zu verhindern. Oder gegen die Strategie einiger G8-Staaten, Aussagen zum schonenden Umgang mit nicht-erneuerbaren Ressourcen in der Abschlusserklärung möglichst vage zu halten. Leute mit dieser Einstellung zum G8-Gipfel müssen gar nicht gegen all die anderen Dinge auf der skizzierten Liste sein. Nicht einmal gegen die Agenda. Tatsächlich sind sie wahrscheinlich gar nicht gegen das Treffen als solches – und sind sogar für die eine oder andere Position des einen oder anderen teilnehmenden Verhandlungsteams. Zum Beispiel dafür, halbwegs verbindliche Verhaltensregeln für Hedge-Fonds durchzusetzen. Oder, die Entwicklungshilfe im Konzert aufzustocken und mit intelligenteren Anreizstrukturen zu versehen. Also, ich sehe Inkonsistenzen allerorten – insbesondere zwischen den Letztgenannten und den echten Gipfelgegnern.

Und bisher habe ich erst einen kleinen Teil der Positionen wiedergegeben, denn nun kommt noch die große Gruppe derjenigen, die ich die Symbolisten nennen will. Sie sehen in der G8 ein Symbol und wollen ein anderes Symbol setzen. Was die G8 symbolisiert? Wahlweise Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Kapitalismus, Kriegstreiben oder kulturelle Arroganz. (Mehrere Kreuze sind möglich.) Das Gegensymbol? Frieden, Gleichheit, Verständnis, Aussöhnung, Gerechtigkeit, Sozialismus, Anarchie. Diese Symbole sind freilich sehr vage, und das ist das Gute an solchen Symbolen. Aber die Symbolisten als Gruppe können sehr wohl im Clinch liegen mit all jenen, die konkretere Dinge fordern. Vielleicht gibt es hier noch mehr Inkonsistenz, sicher aber noch mehr Divergenz.

Und schließlich gibt es noch diejenigen, die extrem konkrete und extrem systemverändernde Forderungen vertreten. Öffnung aller Grenzen, zum Beispiel. Verstaatlichung allen Kapitals. Entwicklungshilfe im Umfang des eigenen Konsumes. Hier und jetzt. Wenn ich den Aufklebern an mittlerweile fast allen Fahrradständern der Republik trauen kann, dann geht es um nichts Geringeres als das Ende des Nationalstaates. Und des Kapitalismus. Usw.

Zu allen würde ich gerne viel schreiben. Doch um halbwegs systematisch zu bleiben, bleibe ich bei den zwei erwähnten Problemen. Das erste war dieses: Die skizzierte Vielfalt macht es zumindest schwierig zu analysieren, worin die, wie ich es genannt hatte, semantische Signifikanz des Mitmarschierens liegt. Das an sich ist schon ein Problem, denn eine Demonstration will ja gemäß ihren Äußerungsabsichten interpretiert werden, und wenn normale Menschen nun mit den Interpretationsschwierigkeiten unseres tragischen Demokraten am Rand stehen, dann liegt ein unleugbares Problem vor. Ich glaube aber, dass das Problem noch größer ist, denn ab einem bestimmten Grad von interpretativen Schwierigkeiten kann man gar nicht mehr von semantischer Signifikanz sprechen: Irgendwann hat die Handlung aufgehört, eine Äußerung zu sein.

Es erstaunt mich manchmal, dass die Vielgestaltigkeit der Positionen offenbar unter den Demo-Organisatoren gar nicht als Problem betrachtet wird. Vielleicht hat das mit zwei Einwänden zu tun, die ich manchmal höre. Erstens, so wird gesagt, sei es doch etwas Gutes, dass so eine große und plurale Gruppe an den Demos beteiligt ist. Jede Teilnehmerin kommt mit jeweils ihrer Aussage, und allen wird ein Forum gegeben. Diesen Einwand halte ich für naiv, denn er missversteht die ganze Rolle der Demonstration. Sicher ist eine Demo, wie oben beschrieben, auch eine Reihe anderer Dinge neben der Äußerung einer Behauptung. Vielleicht gehört die Rolle als Forum dazu. Aber selbst wenn das so ist, kann dies nur ein Forum nach innen sein. Die Demo als ganze tritt nach außen, und meine Überlegungen haben ja gerade gezeigt, dass die Äußerung mit Problemen behaftet ist, sobald viel und viel Inkonsistentes durch die Megafone geht. Dass nicht einmal alle gegen die Idee von G8-Gipfeltreffen sind (und sein können), habe ich schon gesagt.

Der zweite Einwand ist weniger naiv. Er weist darauf hin, dass selbst bei extrem disparaten, ja: strikt inkompatiblen Forderungen auf der Ebene der individuellen Teilnehmer dennoch eine einzige Forderung auf der Ebene der Demo als ganzer entstehen kann. Diesen Punkt akzeptiere ich. Ich kenne ein feines Beispiel dafür. Vor einigen Jahren noch war das beherrschende Thema im Vorfeld der Demos zum Christopher-Street-Day die Frage der richtigen Einstellung zur Ehe. Hier wurden vor allem zwei Positionen vertreten. Die eine forderte die Öffnung der Institution der Ehe für Schwule und Lesben. Die andere forderte die ersatzlose Streichung der Institution der Ehe. Verständlicherweise waren die entsprechenden Gruppen mehr oder weniger verfeindet. Ihre Forderungen jedenfalls waren inkompatibel (wobei wir über eventuelle Einwände gegen diese Analyse hier hinwegsehen wollen. Falls jemand zweifelt: Es reicht, dass das Szenario plausibel ist.) Dennoch marschierten alle gemeinsam. Und die Forderung, die allerorten „rüberkam“, war folgende: „Mehr Respekt für Schwule und Lesben.“ So einfach. Als ob eine Meinungsverschiedenheit nie bestanden hätte, ja: als ob eine Beschäftigung mit der Institution der Ehe nie stattgefunden hätte.

Aber dies kann nicht bloß als Zurückweisung meiner Sorge um die semantische Signifikanz des Mitmarschierens gewertet werden. Es bringt auch erhebliche neue Probleme für die Demonstranten mit sich. Wenn es so ist wie in der geschilderten CSD-Demo, wo eine Gesamtforderung entstehen kann, obwohl sich alle individuellen Teilnehmer untereinander streiten, dann haben viele Demonstranten auch einen guten Grund, abzuspringen. Denn es ist nicht mehr „ihre“ Demo. Natürlich könnte geantwortet werden, dass die der gesamten Demo zugeschriebene Forderung einfach so etwas wie der „größte gemeinsame Teiler“ der individuellen Forderungen sei. Diese Interpretationsregel ist auch nicht von der Hand zu weisen, aber es muss dabei bedacht werden, dass sie erstens nur eine von vielen Regeln ist und nicht immer gewinnt, und dass sie zweitens unbefriedigend ist, wenn fast keiner der individuellen Teilnehmer diese Gesamtforderung („Mehr Respekt…“) als Hauptforderung der Demonstration bezeichnen würde – weil sie ihnen einfach zu lau ist. Der größte gemeinsame Teiler einer so breitgefächerten Demo ist gewöhnlich eine so laue und banale Forderung, dass niemand – inklusive Bush, Blair, Sarkozy und Merkel – gegen sie argumentieren würde. „Mehr Respekt für Schwule und Lesben!“ - „Eine Gerechtere Welt!“ - ich kenne niemanden, der dagegen wäre. (Hier ist meine Unterschrift.)

Doch hiermit sind wir schon in der Mitte des zweiten großen Grundes meines Unwohlseins: Allzuviel von dem, was man im Umfeld der G8 an Forderungen so hört, ist dubios und sollte abgelehnt werden. Und das muss gar nicht sein, weil es falsch ist. Hier haben wir also die erste Form abzulehnender Forderungen: Die Forderung ist einfach zu banal und zu lau und rechtfertigt keinen Demonstrationsmarsch, zumal dann nicht, wenn dort eine Rhetorik der Empörung gepflegt wird wie auf den G8-Demos. Es ist sogar so, dass die Demo in diesem Fall gewissermaßen irreführend ist, da sie es kaum vermeiden kann, qua Demonstration eine Opposition zu der offiziellen Politik zu suggerieren. Und das sollte sie einfach nicht, wenn sie aufrichtig ist. Wenn sie hingegen auf den Gestus der Wut und Empörung (angemessenerweise) verzichtete, dann – ja, dann hätte sie mehr von einem Gottesdienst als von einer Demonstration. Und dafür fahre ich nicht nach Heiligendamm.

Da ich hier nicht alle Positionen behandeln kann, will ich mir noch zwei weitere herauspicken, die ich für besonders dubios halte. Erstens die Position derjenigen, die tatsächlich dagegen sind, dass sich die G8-Staaten auf Gipfeltreffen austauschen. Zweitens die Position der Radikalen, die zum Beispiel fordern, alle Staatsgrenzen abzuschaffen. Zu der ersten Position (die übrigens auch gute Chancen hat, als Position der Demo als ganzer anerkannt zu werden,) muss ich mit blankem Erstaunen reagieren. Sind die Leute wirklich dagegen, dass sich einflussreichere Staaten informell austauschen? Wäre es denn besser, wenn sie es nicht täten? Wieso wäre das besser? Ich mache es kurz: Ich kann mir das nicht vorstellen; und die plausiblere Position dieser „Gegner“ des Gipfels ist sicherlich einfach die Ablehnung der Tatsache, dass es überhaupt unterschiedlich einflussreiche Staaten gibt. Na gut, auch ich könnte mich hinreißen lassen, eine Welt mit gleichstarken Staaten (ceteris paribus – war auch immer das hier heißt) besser zu finden. Das Problem ist dieses: Die Welt ist nicht so. Wenn ich also die Position der „Gipfelgegner“ auf eine Weise interpretiere, die nicht völlig verrückt ist, dann kommt dabei eine dieser ganz allgemeinen grundsätzlichen Bekenntnisse heraus, die wenige wirklich ablehnen. “Für eine Welt gleich starker Staaten!” Und damit sind wir wieder im vorigen Argument: Das gibt kaum Material für eine richtige Demo her.

Die andere Position, die mich schon deswegen interessiert, weil sie im Internet und (in Aufkleberform) an den Fahrradständern und Bushaltestellen eine so prominente Stellung genießt, ist die der Radikalen. Grenzen abschaffen. Kapital verstaatlichen. Und so weiter. Ich möchte diese Positionen hier nicht an sich diskutieren und gehe davon aus, dass mir fast jede Leserin zustimmt, dass eine Welt ohne Grenzen ceteris paribus (wiederum nehmen wir an, dass wir diese Klausel irgendwie mit plausiblem Inhalt füllen können, was hier eine ganz schön happige Annahme ist) wohl besser wäre. Ich gehe aber auch davon aus, dass sie mir ebenfalls zustimmt, dass der Weg dahin eines der schwierigsten politischen Probleme überhaupt darstellt und dass eine sofortige totale Grenzöffnung wohl katastrophale Resultate hätte. Ich gehe folglich davon aus, dass so gut wie jede Leserin – wenn sie die entsprechende Macht hätte – sich hüten würde, die Grenzen sofort und vollständig abzuschaffen. Das gleiche gilt freilich für die Verstaatlichung allen Kapitals. Die Frage, die mich interessiert ist: Darf eine Demo so etwas trotzdem fordern? Mit anderen Worten: Ist im Kontext einer Demonstration der goldene Grundsatz aufgehoben, dass man von einer Person nur das einfordern darf, was man selber in ihrer Situation zu tun bereit wäre?

Es gibt Leute, die dieser Meinung sind. Sie sagen, dass eine Demonstration eine Freiheit hat, Dinge zu fordern, die unter plausiblen Annahmen nicht umsetzbar sind. Der Grund besteht für sie darin, dass „nur so“ überhaupt neue und radikale und kreative politische Ideen in die Welt kommen. Die Abschaffung der Sklaverei, die Abschaffung des ständischen Wahlrechtes, die Ausweitung des aktiven Wahlrechtes auf Frauen – all das war einmal so utopisch wie (heute) die staatenlose, anarchistische Gesellschaft. Das ganze kommt mir extrem unplausibel vor. Die Beispiele sind allein schon in dem Umfang der notwendigen politischen Handlungen zur Erreichung der jeweiligen Ziele so weit entfernt vom Beispiel der Forderung nach einer staatenlosen, anarchistischen Gesellschaft, dass es mir schwer fällt, den Einwand überhaupt ernsthaft zu diskutieren. War es etwa wirklich so, dass demonstrierende Suffragettes, wenn sie es gekonnt hätten, gezögert hätten, den Frauen das Wahlrecht zuzugestehen? Ich glaube, die kurze Antwort ist: Nein. Und solange mir keiner sagt, warum Demonstranten fordern dürfen, was sie selber nicht umsetzen würden, bin ich von diesem Punkt nicht überzeugt.

Nun habe ich mal wieder viel zu viel geschrieben. Aber es sollte klar sein, was ich will. Ich kann den G8-Demos keine Forderung unterstellen, die gleichzeitig all das oder das meiste oder zumindest den Tenor dessen reflektiert, was im Umfeld der Gipfel-Demos so zu sehen und zu hören ist – und die ich wirklich unterstützenswert fände. Meine Meinungen dagegen lassen sich in die Demos (wie es aussieht) nicht besonders gut einreihen (allein schon deswegen, weil ich nicht gegen den Gipfel bin), oder sie sind solche, die so gut wie keiner der G8-Politiker ernstlich bestreiten würde. Und dann will ich nicht dafür „demonstrieren“. Nein, ich bleibe zuhause. Oder gehe mal auf einen Besuch bei unserem tragischen demokratischen Entscheidungsträger vorbei, und frage ihn, wie es so geht. Vielleicht möchte er reden.

Update vom 24. Mai 2007: Nicht nur hier im Blog wird mit Spannung ein Gegenmanifest erwartet, das demnächst auf diesen Seiten erscheint [Update vom Update: Es ist jetzt da. Update von Update vom Update: Noch eins ist jetzt da.]. Auf meinen Streifzügen durch die Blogosphäre habe ich nun auch ein Post gefunden, welches in genauer Inversion meines Titels erklärt, warum sein Autor nach Heiligendamm fährt. Interessant gerade für mich, weil ich mit fast allen individuellen Prämissen, nicht aber der Konklusion übereinstimme.

Update vom 25. Mai 2007: Das G8-Blog vom Informationsbrief Weltwirtschaft und Entwicklung (wird von der Heinrich-Böll-Stiftung mitgetragen) bietet übrigens eine sehr interessante inhaltliche Beschäftigung mit dem G8-Gipfel.

Update vom 29. Mai 2007: Ein schönes Schlaglicht auf einen Teil der zu erwartenden Heiligendammtouristen wirft der Seltsame Zusammenschluss. Übrigens von ganz links.

Update vom 30. Mai 2007: Der Zaun ist fertig und die Schleusen zu. Dass es durch seine magische Anziehungskraft jetzt in Berlin SO36 langsam ganz ruhig wird, erklärt der Schoggo-TV-Blog.

Update vom 3. Juni 2007:  Nach dem kleinen Luxuskrieg in Rostock kippt langsam die Stimmung. Letztere gut eingefangen kann hier nachgelesen werden: Ringfahndung Journal über Heiligendamm 2007. Ein anderes Blog - übrigens auch ein Philosophieblog - welches sich mit der Pragmatik des Gegen-die-G8-Demonstrierens auseinandersetzt und eine Kritik an den aktuellen Demos formuliert ist das Onezblog. Und noch ein letzter Punkt: Ich habe jetzt eine Kategorie eingerichtet namens “Die Heiligendamm Kontroverse”, für alle Heiligendamm-Artikel aus dem sprechblasenblog.

Über Interpretation III

von Matthias Kiesselbach
Montag, 21. Mai 2007

“If I asked you where the hell we are,” said Arthur weakly, “would I regret it?”
Ford stood up. “We’re safe,” he said.
“Oh good,” said Arthur.
“We’re in a small galley cabin,” said Ford, “in one of the spaceships of the Vogon Constructor Fleet.”
“Ah,” said Arthur, “this is obviously some strange usage of the word safe that I wasn’t previously aware of.”

(Douglas Adams)

Reine Formsachen — Ein Nachtrag zum “verführerischen Verdacht”

von Christian Voigt
Sonntag, 20. Mai 2007

Letzte Woche habe ich in meinem Artikel über monistische Theorien menschlichen Verhaltens einen naiven Antiformalismus vertreten. Aussagen wie “Jeder macht alles immer nur, um x zu erreichen”, so meinte ich, seien prinzipiell “leere” Aussagen. Honneths Anerkennungstheorie, Nietzsches Wille zur Macht oder die Nutzentheorie der Ökonomie sagten deswegen im Grunde dasselbe; nämlich gar nichts. (Eine ausführlichere theoretische Verteidigung des Antiformalismus oder Antizentralismus findet sich übrigens in Susan Hurleys “Natural Reasons”.)

Diese Woche möchte ich mir selbst antworten. Denn leider gerät dieser Antiformalismus in scheinbaren Konflikt mit einer meiner Lieblingsmeinungen, die ich seit längerem gegenüber allen Zweifeln (und auch gegen Hurleys Argumente) zu schützen suchte. Diese Lieblingsmeinung besagt, dass etwas nur dann überhaupt als Versuch einer Begründung anerkannt werden kann, wenn es zulässig ist diese Begründung als deduktiv schlüssiges Argument aufzufassen (”deduktiv” soll hier heißen: Wenn die Prämissen wahr sind, dann muss aufgrund der logischen Form des Arguments notwendigerweise auch die Konklusion wahr sein). Dieser “rekonstruktive Deduktivismus” ist von seiner Struktur her sehr ähnlich zu den monistischen Theorien menschlichen Verhaltens, die ich letzte Woche kritisiert habe. Auch hier wird jede Begründung vom Interpreten in die gleiche Form gebracht, so dass man versucht sein könnte zu behaupten, dass “Jeder eigentlich alles immer nur mit deduktiv schlüssigen Argumenten begründet”. Das ist natürlich genauso falsch oder offensichtlich sinnlos, wie die Behauptung, dass alle immer nur das Eine wollen. Dennoch würde ich bestreiten, dass diese Art der Argumentrekonstruktion sinnlos sei. Wie passt das zusammen? Um das zu klären, will ich noch einmal etwas allgemein über den Sinn “reiner Formsachen” sagen.

In meinem Artikel begann ich mit einem einfachen Sortierbeispiel, in dem Äpfel von Birnen getrennt wurden. Es war offensichtlich, dass in einem solchen Sprachspiel ein Oberbegriff wie “Obst” für “Äpfel und Birnen” vollkommen überflüssig ist. Wäre unsere gesamte Sprache nur zum Sortieren von Birnen und Äpfeln benutzt worden, so hätte das Wort “Obst” niemals die Bedeutung erlangt, die es für uns hat. Wir könnten es zwar benutzen, um Aussagen über Äpfel und Birnen eine gemeinsame Form zu geben (”Dies ist ein Apfelobst”, “Dies ist ein Birnenobst”). Aber diese gemeinsame Form der Aussagen wäre insofern irreführend, als es in unserer Praxis keine Anwendung für diese sprachliche Gleichbehandlung gäbe. Die gemeinsame Form der Aussagen wäre wie die Form einer Flasche: Die Form der Flasche sagt nichts darüber aus, ob die Flüssigkeiten, mit der wir sie befüllen, sich in ihrer Form gleichen, weil wir die Flüssigkeiten selbst in diese Form gebracht haben als wir sie in die Flasche füllten. “Alle Flüssigkeiten haben in dieser Flasche Flaschenform”, wäre zwar eine richtige, aber auf irritierende Weise überflüssige Aussage.

“Das ist jetzt nur noch eine reine Formalie”, wird einem entschuldigend gesagt, wenn man eigentlich schon alles erledigt hat, was zu tun war, aber aufgrund bürokratischer oder institutioneller Rituale zu weiteren Schritten, z.B. zur mehrfachen Unterschrift oder zum Ausfüllen eines umständlichen Formulars, genötigt wird. Was der Ökonom mit Handlungen, was der Logiker mit Begründungen anstellt hat genau diesen Charakter: Eine Handlung als nutzenmaximierend oder eine Begründung als deduktiv schlüssig zu rekonstruieren ist mehr den institutionellen Regeln der Wirtschaftswissenschaft oder der Logik geschuldet, als der Sache an sich. Sind diese reinen Formsachen deswegen überflüssig?

Dass das nicht so sein muss, macht die Flaschenanalogie klar: Natürlich ist es vollkommen irrsinnig, mit der Hilfe von Flaschen die Form von Flüssigkeiten überprüfen zu wollen (”hey, ich hab schon wieder eine flaschenförmige Flüssigkeit gefunden!”). Aber noch viel irrsinniger wäre es, deswegen den eigenen Weinkeller auszuräumen. Flaschen sind keine sinnlosen Gegenstände nur weil man mit ihnen sinnlose Dinge anstellen kann. Flaschen und Gefäße allgemein dienen zwar nicht dazu, Flüssigkeiten nach ihrer Form zu sortieren. Aber dennoch sind Gefäße zur Sortierung von Flüssigkeiten unverzichtbar, gleichgültig nach welchen Kriterien wir sortieren (z.B. nach Jahrgang).

Wer aus der Form ökonomischer oder logischer Interpretationen etwas über die wahre Form von Handlungen oder Begründungen lernen will, der macht nichts anderes, als Flaschen dazu zu benutzen, Flüssigkeiten nach ihrer Form zu sortieren. Es ist kein Wunder, dass alle Handlungen rational und alle Begründungen deduktiv schlüssig sind, wenn wir sie selbst so zubereiten. Aber daraus zu schließen, dass die Formalisierung von Verhaltensbeschreibungen oder Begründungen überflüssig und sinnlos sei ist genauso falsch, wie die Benutzung von Flaschen grundsätzlich abzulehnen.

Allein dadurch dass wir eine Begründung deduktiv schlüssig rekonstruieren erfahren wir noch nichts über die Begründung. Erst wenn wir die Plausibilität der Prämissen überprüfen, wissen wir, wie gut oder wie schlecht ein Argument ist und wie es funktioniert. Allein dadurch, dass wir eine Handlung rational rekonstruieren, wissen wir noch nichts über die Handlung. Erst wenn wenn wir die Präferenzordnung einer Person auf ihre normative Richtigkeit und die Meinungen einer Person auf ihre Wahrheit hin überprüft haben, haben wir die Handlung wirklich kennengelernt.

Aber um auf diese Weise Begründungen und Handlungen zu evaluieren müssen wir sie erst einmal in eine Form bringen, in der wirklich alles zum Vorschein kommt, was für die Bewertung relevant ist. Dass wir ein Ei zerschlagen können, sagt nichts über die Qualität des Eis. Aber um zu erfahren, ob das Ei faul ist, müssen wir es zerschlagen.

Die rationale Rekonstruktion von Handlungen und Begründungen hat allein diesen Zweck: Sie bringt Handlungen und Begründungen in eine Form, in der wir leicht beurteilen können, was an ihnen faul ist. Allein danach müssen wir diese “reinen Formsachen” beurteilen: Erfüllen sie die Funktion, das Innerste einer Handlung oder einer Begründung nach außen zu kehren? Ist es wirklich in jedem Fall so, dass sie nur das ergänzen, was für die Evaluation relevant und nur das weglassen, was für die Evaluation irrelevant ist? Ist es z.B. für die Evaluation sinnvoll, Verhalten rational zu rekonstruieren, das “aus dem Bauch heraus”, “intuitiv” oder “spontan” entsteht? Ist es sinnvoll Begründungen für die Evaluation deduktiv zu rekonstruieren, die eine These nur plausibel machen sollen oder bei der man für die Deduktivierung offensichtlich falsche Prämissen ergänzen muss?

Was ich letzte Woche an monistischen Theorien des Verhaltens kritisiert habe ist nur dies: Dass sie die Funktion der monistischen Form ihrer Theorien mißverstehen. Diese Form sagt nichts Gehalt- oder Sinnvolles über das Wesen menschlichen Verhaltens aus. Der Nutzen monistischer Theorien des Verhaltens (oder des Begründens) kann nicht darin liegen, dass sie eine andere Welt beschreiben als pluralistische Theorien. Der Nutzen kann allein darin liegen, dass sie uns dieselbe Welt auf andere Art zubereiten.

Über den verführerischen Verdacht, dass alle immer nur das Eine wollen

von Christian Voigt
Sonntag, 13. Mai 2007

Es gibt Momente der Desillusion, in denen man sich wie der Protagonist in Stanislav Lems Futurologischem Kongress vorkommt: Man hat das Gefühl, dass nun so langsam die Wirkung eines Halluzinogens nachläßt und man auf einmal die Welt sieht, wie sie wirklich ist: Grau, kalt, naß, stinkend und abstoßend. Solche Gefühle der Entlarvung der Welt werden immer wieder durch den Verdacht hervorgerufen, dass alle in Wirklichkeit doch immer nur Eines wollen. Was hier “das Eine” ist, wechselt von mal zu mal. Mal ist es Sex, mal Geld, mal ist es Anerkennung, mal der Wille zur Macht, mal ist es die Maximierung des Nutzens, mal ist es das nackte Überleben oder die Verbreitung der eigenen Meme oder Gene. Immer jedoch ist es nur eines davon. Und immer gibt einem dieser Verdacht das Gefühl, mit ihm die ganze chaotische Welt des menschlichen Miteinanders und Gegeneinanders in seinem innersten Wesen verstehen zu können und alle naiven Illusionen und Vorurteile endgültig und mit einem Mal loswerden zu können.

Es sind häufig Momente der enttäuschten Erwartungen und der Mißerfolge, die diese Hoffnung auf die endgültige Desillusionierung wecken. Denn häufig kann man Mißerfolg dadurch psychisch bewältigen, dass man sich vom Spielverlierer zum Erkenntnisgewinner macht: Man hat es zwar nicht geschafft, aber immerhin ist man schlauer draus geworden, schlauer vielleicht, als die, die nie scheitern und so nie durch die harte Schule des Lebens gehen. Befreit von unkritischer Naivität. Aufgeklärt, abgeklärt und damit erst wirklich frei zur Entscheidung. Ich hab’s nun kapiert: In Wirklichkeit wollen sie doch alle nur das Eine.

Doch diese Hoffnung auf die endgültige Desillusionierung durch eine zugleich einfache und universelle Erklärung menschlichen Verhaltens ist selbst eine viel größere Illusion, als alle Illusionen, die man mit ihr zu überwinden hofft. Statt sich dem Größenwahn universeller Desillusionierung hinzugeben, sollte man sich lieber mit der aufgeklärten Naivität unserer vielgestaltigen Alltagspraxis zufrieden geben.

Der Verdacht, dass alle immer nur das Eine wollen, erhält in vielen Situtationen seine Nahrung. Er beginnt zunächst mit einzelnen Fällen. Politiker wollen doch nur Macht, Bandmitglieder wollen mit ihrer Musik nur Frauen beeindrucken, Kapitalisten wollen doch nur materiellen Reichtum, Arbeitslose wollen doch gar nicht arbeiten, Männer wollen doch nur Sex, Prominente wollen doch nur Aufmerksamkeit, Jugendliche wollen doch nur provozieren, Altruisten wollen doch nur moralische Überlegenheit, Polizisten wollen doch nur Minderwertigkeitskomplexe kompensieren, die Amerikaner wollen sich doch nur den Zugang zum Öl sichern, ja selbst Hunde wollen doch nur spielen. Für fast jede Personengruppe gibt es die passenden Unterstellungen.

So gefährlich und falsch sie teilweise auch sein mögen — derartige Unterstellungen sind für jede ernsthafte Gesellschafts- und Ideologiekritik unverzichtbar. Grundsätzlich problematisch wird es erst, wenn man sich von der desillusionierenden Erkenntnis, dass viele Menschen eines bestimmten Schlags (Politiker, Manager, Popstars, Hunde) in bestimmten Kontexten manches wollen, zu der monistischen These verleiten läßt, dass alle Menschen im Grunde doch immer nur eines wollen. Denn eine derartige induktive Generalisierung führt nicht nur zu einem Verlust des Erkenntnisgewinns, sondern im schlimmsten Fall zum Verlust jeglicher Kritikfähigkeit. Wenn die Sozial-, Wirtschafts- oder Geisteswissenschaften eine derartig monistische Erklärungsstrategie verfolgen, so eifern sie nicht dem Vorbild der Naturwissenschaft nach, sondern nur ihrem ins Lächerliche übertriebene Zerrbild. Die Reduktion auf eine monistische Theorie ist keine Forderung der Naturwissenschaften, sondern empirisch-pragmatisch inadäquat und deswegen zutiefst unwissenschaftlich. Jede Aussage der Form “Alle machen alles immer nur um ein- und dasselbe zu erreichen” ist deswegen entweder vollkommen leer oder offensichtlich falsch.

Den grundlegenden Fehler erkennen wir, wenn wir zunächst unsere Sprache stark vereinfachen. Stellen wir uns vor, Sprechakte würden nur zum Auseinandersortieren von Äpfeln und Birnen gebraucht. Wir haben einen Experten, der Äpfel von Birnen unterscheiden kann und einen Sortierer, der die Befehle des Experten ausführt. Der Sortierer nimmt aus einem Korb einen Gegenstand und hält ihn vor den Experten. Wenn der Experte “Apfel” sagt, dann legt der Sortierer den Gegenstand auf den rechten Haufen, wenn der Experte “Birne” sagt auf den linken. In diesem Sprachspiel erhält der Begriff “Apfel” nur durch das Auf-Den-Rechten-Haufen-Legen des Sortierers einen Sinn.

Stellen wir uns nun vor, der Experte würde durch jemanden ausgestauscht, der es gewohnt ist, Gemüse von Obst zu trennen. Der Sortierer würde wieder vor diesen Experten hin treten und ihm einen Gegenstand zeigen und der Experte würde nun “Obst” sagen. Der Sortierer wäre genauso schlau wie vorher. Denn in seinem Sprachspiel ist ein Begriff wie “Obst” vollkommen sinnlos. Und der Experte ist vollkommen unfähig, dem Sortierer den Sinn dieses Begriffes in der Abwesenheit von Nicht-Obst, also z.B. Gemüse, beizubringen. Nichts könnte dem Sortierer beweisen, dass der Laut “Obst” bedeutungsvoller gewesen ist, als ein Husten, Rülpsen oder Räuspern.

Zugegeben, das ist ein primitives Beispiel. Stellen wir uns deswegen einen echten Experten vor: Einen Universalgelehrten in menschlichen Angelegenheiten oder wie man früher gesagt hätte: Einen Weisen. Da seine Expertise allgemein anerkannt ist, wird der Weise in Gerichtsprozessen als Sachverständiger zu Gutachten beauftragt. Der Sachverständige bekommt eine genaue Beschreibung des Verhaltens des Angeklagten und empfiehlt dann ein Urteil: Mal empfiehlt er, den Angeklagten laufen zu lassen, mal empfiehlt er, ihn zu einer bestimmten Therapie zu zwingen, mal empfiehlt er, ihn für eine bestimmte Zeit einzusperren. Dass wir es wirklich mit einem Experten zu tun haben, merken wir daran, dass sich die Angeklagten von ihm “durchschaut” fühlen, dass er weiß, wann sie die Wahrheit sagen und wann sie lügen, dass er beurteilen kann, ob sie etwas absichtlich getan haben oder unabsichtlich, dass er sich in sie hineinversetzen kann und ihre Gefühle, Wünsche und Ziele versteht.

Was würden wir nun von diesem Experten in menschlichen Angelegenheiten halten, wenn er auf einmal anfangen würde, in jedem Fall immer dieselbe Maßnahme zu empfehlen? Müssten wir nicht sagen, dass sein Urteil auf genau die gleiche Weise jeglichen Sinn verloren hat, wie das Urteil des Obst-Und-Gemüse-Experten, der beim Sortieren von Äpfeln und Birnen immer nur “Obst” sagt? Müssten wir nicht sagen, dass aus dem Weisen auf einmal ein Narr geworden ist?

Natürlich ist dies immer noch keine gute Analogie. Aber zumindest nähern wir uns dem Ziel: Denn zumindest ein Gebrauch unseres psychologischen Handwerkszeugs besteht darin, zu entscheiden, welche Reaktionen auf das Verhalten anderer gerechtfertigt sind und welche nicht. Wir können das Beispiel beliebig variieren: Stellen wir uns nicht nur so grimmige Anwendungen wie Gerichtsprozesse vor, sondern die Anwendung beim Flirten, beim beruflichen Bewerbungsgespräch, in der Erziehung, im Theater. Gleichgültig an welche Anwendungsgebiete wir denken: Es ändert sich nichts daran, dass wir mit unserer These, dass alle nur das Eine wollen, so lächerlich dastehen, wie ein Quacksalber, der für jedes Gebrechen dasselbe Wundermittel empfiehlt.

In vielen dieser Fälle benutzen wir unser psychologisches Handwerkszeug nicht nur, um zu entscheiden, welche Reaktion moralisch richtig oder den geltenden sozialen Regeln angemessen ist, sondern auch, um das zukünftige Verhalten unseres Gegenübers voraussehen zu können. Wir benutzen die Unterstellung von Absichten, um einschätzen zu können, wie unser Witz ankommen wird, auf welche Weise wir am besten die schlechte Botschaft überbringen, wie wir, ganz allgemein gesprochen, unser Gegenüber dazu bringen, das zu tun, was wir von ihr oder ihm erwarten. Derartige psychologische Zuschreibungen können durch das unterstellte Zusammenspiel mehrerer, häufig miteinander konkurrierender Absichten, zu unvorhersehbaren und dennoch richtigen Prognosen führen. Stellen wir uns nun vor, wir würden wirklich unserem Verdacht, dass alle nur das eine wollen, trauen und allen immer nur noch Eines unterstellen. Wieviel könnten wir dann wohl noch voraussagen?

Nun werden spätestens hier die Ökonomen kommen und für ihre Nutzentheorie den allerhöchsten prognostischen Nutzen reklamieren. Denn schließlich ist die Maximierung des Nutzen nur eine formale Struktur, die erst durch konkrete Präferenzordnungen prognostische Kraft erhält. Genauso könnten die Anerkennungstheoretiker kommen und auf ihre tausendundeine Formen der Anerkennung verweisen. Ist es also nicht vollkommen unfair, hier zu unterstellen, diese Theorien würden versuchen, alles immer nur auf eine Weise zu erklären?

Die Antwort darauf wurde schon gegeben: Entweder die These, dass alle nur das eine wollen, ist offensichtlich falsch oder sie ist vollkommen bedeutungslos. Dass alle immer nur das eine wollen wäre offensichtlich falsch, wenn damit wortwörtlich gemeint ist, dass es in irgendeiner Weise hilfreich wäre auf jede Frage der Form “Was will x?” nichts weiter zu antworten als “Das Eine, so wie alle anderen auch”. Offensichtlich falsch wäre das, weil eine derartige Antwort in keiner Praktik, in der solche Fragen gestellt werden, irgendeinen Sinn hätte. Und noch schlimmer: Wenn wir nicht radikale Konsequentialisten sind, macht uns der psychologische Monismus vollkommen kritikunfähig: Denn wenn jede Handlung auf dieselbe Absicht zurückgeführt wird, verlieren wir die Fähigkeit zwischen guten und schlechten Absichten zu unterscheiden. Entweder wir müssen uns dann vollständig einer Wertung enthalten (das tun z.B. Ökonomen) oder wir müssen alle Absichten kritisieren (eine derartige Tendenz haben manche Verdinglichungstheorien, die allgemein das “Zweck-Mittel”-Denken kritisieren). Es ist also offensichtlich, dass wir uns mit der einfachen Antwort “Jeder tut immer alles um das Eine zu erreichen” nicht zufrieden geben können.

Aber warum wäre die Behauptung vollkommen leer, wenn wir eine komplexere Antwort geben, z.B. die Antwort “x will in dieser Situation die Anerkennungsform 2463 erreichen” oder die Antwort “x präferiert das Güterbündel F vor dem Güterbündel G und will seinen Nutzen maximieren”? Die Antwort ist dieselbe: In diesem Fall können wir zwar diese Antworten genausogut nutzen, wie unser normales psychologisches Werkzeug. Insofern sind diese Antworten nicht einfach falsch. Aber es ist vollkommen naiv, allein aufgrund der Form dieser Aussagen die allgemeine These zu deduzieren, dass “Alle immer nur um Anerkennung kämpfen” oder “Alle immer nur ihren Nutzen maximieren”. Diese abstrakten Aussagen können erst dann sinnvoll abgeleitet werden, wenn sie auch für sich genommen einen empirisch-pragmatischen Sinn ergeben. Denn die Bedeutung der konkreten Aussagen stammt nicht aus der ihnen gemeinsamen Form, sondern aus den mannigfaltigen konkreten Anwendungen dieser Aussagen. Die gemeinsame Form der Aussagen ändert nichts daran, dass wir sie auf vollkommen unterschiedliche Weise gebrauchen. Die Form der Aussagen ist deswegen im schlimmsten Falle irreführend, im besten Fall ist sie so bedeutungslos wie der Fakt, dass bei Nacht alle Katzen grau sind.

Der ganze Reiz des Monismus, seine scheinbare Überlegenheit, löst sich damit in Nichts auf. Nun könnte man noch meinen, dass wir in Fällen, in denen es keinen empirisch-pragmatischen Unterschied zwischen zwei Theorien gibt, die elegantere und einfachere Theorie wählen sollten (so argumentierte z.B. Galileo für die heliozentrische Weltsicht). Und was könnte schließlich einfacher sein, als alles auf dieselbe Weise zu erklären?

Aber dieser Schuss geht nach hinten los. Denn die monistischen Theorien sind nur scheinbar einfacher. In Wirklichkeit sind sie viel umständlicher: Denn zusätzlich zu all den Unterscheidungen, die notwendig sind, um der Vielfalt unserer Praktiken gerecht zu werden, muss den Aussagen eben immer noch eine gemeinsame Form gegeben werden. Die erzwungene Einfachheit muss als zusätzlicher Aufwand gezählt werden. Statt dass wir einfach zwischen 1000 verschiedenen Motivationen unterscheiden, behaupten wir zusätzlich, dass es sich in jedem Fall um eine Form der Anerkennung handelt oder dass wir in jedem Fall Nutzen maximieren. Diese Redeweisen zu bevorzugen ist genauso überflüssig und irreführend, wie statt von Engel, Mensch, Gedicht und Berg auf einmal nur noch von Engeldingsbums, Menschdingsbums, Gedichtdingsbums und Bergdingsbums zu sprechen.

Monistische Theorien menschlicher Motivation beginnen ganz unschuldig: Sie beginnen mit der Erkenntnis, dass eine bestimmte Motivation in vielen Fällen eine bessere Erklärung bietet, als die gemeinhin unterstellte Motivation. Daraus wird dann induktiv auf die generelle Aussage geschlossen, dass alle immer nur aus dieser Motivation heraus handeln. Um diese Generalisierung zu ermöglichen, muss nun aber jede spezifische Motivation so interpretiert werden, dass sie zu einer Spezialform der allgemeinen Motivation wird. In manchen Fällen ist das unproblematisch. In vielen Fällen muss die Bedeutung der allgemeinen Motivation aber derart an die zu interpretierende spezifische Motivation angepasst werden, dass ein Stück der ursprünglichen Bedeutung verloren geht. Je weiter dieser Interpretationsprozess fortschreitet, desto mehr geht vom ursprünglichen Gehalt der These verloren, bis die These am Ende vollkommen inhaltsleer geworden ist. Aus diesem Grund kann man sagen, dass alle Thesen der Form “Alle wollen immer nur x”, gleichgültig, ob man für x “Macht”, “Geld”, “Sex”, “Anerkennung”, “Nutzenmaximierung” oder “Seelenfrieden” einsetzt, exakt denselben Gehalt haben.

Jede monistische Psychologie ist empirisch-pragmatisch inadäquat oder eine Ursache für die Massenproduktion überflüssiger Sprechblasen. Der Verdacht, dass alle immer nur das Eine wollen, ist letzten Endes nicht mehr als eine große Illusion: Die Illusion von der vollständigen Desillusionierung. Fallen wir ihr zum Opfer, dann betrügen wir uns im besten Fall selbst: Die scheinbare Einfachheit ist nur oberflächlich und verdeckt die eigentliche Komplexität. Im schlimmsten Fall verlieren wir aber jede Fähigkeit zur Kritik: Denn, da alle im Guten wie im Schlechten sowieso immer nur Eines wollen, wird alles und nichts kritikwürdig. Es ist in solchen Momenten, in denen wir uns darauf besinnen sollten, dass Naivität, wenn sie Ausdruck einer unvoreingenommenen Urteilskraft ist, auch eine echte Stärke sein kann.

Gibt es kriminelle Idealisten?

von Matthias Kiesselbach
Samstag, 12. Mai 2007

Passend zur neuesten Welle der Nachfrage nach deutschem Terrorismus startete gestern mal wieder der Fernseh-Zweiteiler über die RAF, „Das Todesspiel“. Obwohl ich finde, dass die RAF schon zu Zeiten ihrer Aktivität viel zu viel Publicity hatte, und dass langsam genug Souvenirs verkauft sind, habe ich mir den Film angesehen – und wurde prompt von Helmut Schmidt an etwas erinnert, das mich schon lange stört. Nämlich an eine auch heute noch ganz verbreitete Reaktion auf politische Gewalt.

Die Täter, so Schmidt immer wieder und in tausend Variationen, seien eigentlich bloß kriminell. Kriminell natürlich nicht im ordinären Sinne von gesetzesbrecherisch: Das wäre tautologisch, und es würde nicht die ständige Wiederholung dieser Worte erklären. Nein, Schmidt hat mit seinem wiederholten Hinweis eine Erklärung der Taten im Sinn. Freilich vermeidet Schmidt beharrlich eine explizite Definition von „kriminell“, aber es ist klar, dass das Prädikat in Schmidts Verwendung eine ziemlich strikte Abwesenheit politischer oder ideeller Ziele impliziert – zumindest ihrer explanatorischen Relevanz. Wenn mein Handeln durch „kriminelle Energie“ erklärt werden kann, dann stehe ich in einer Ecke mit dem ordinären Einbrecher oder (noch besser) dem damals noch gerne so genannten Rowdy, der aus purer Lust Bushaltestellen kaputt macht.

Und weil die Insistenz auf “kriminelle Energie” in diesem Sinn so offensichtlich unangebracht ist, liefert Schmidt auch ganz bewusst (oder doch fast ganz bewusst) keine explizite Definition von „kriminell“ in seinem Sinn, sondern belässt es bei der Suggestion.

Ich weiß, dass ich mit alledem wenig Neues sage. Dennoch ist es jedes Mal wieder ein kleiner Schock, wenn einem klar wird, wie verbreitet dieses suggestive Pseudo-Erklären im öffentlichen Diskurs ist. Dabei müssen wir übrigens gar nicht immer auf den verkommenen großen Bruder jenseits des Atlantiks mit seiner Wiederentdeckung der Rede vom „Bösen“ zeigen oder uns auf das Sonderproblem der Erklärung selbstmörderischen Handelns versteifen. Letzte Woche titelte der Berliner Kurier: „Chaoten stürmen den Bundestag“ und griff damit eine von Schäubles Lieblings-Vokabeln auf. „Ach so,“ sollen wir wohl denken, „das liegt an ihrer Liebe zum Chaos. Typisch Chaoten!“ Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich schon mal einen echten Chaoten gesehen oder gar gekannt habe. Ich glaube nicht. Die Bundestagsstürmer jedenfalls wollten gegen die ihrer Meinung nach allzu große Nähe des Parlamentes zur Wirtschaft demonstrieren. Zumindest die Planung ihrer Aktion war offenbar sehr solide und durchaus un-chaotisch.

Die Suggestion ist immer die gleiche: Wer so etwas macht, der kann – per definitionem – nicht an Zielen orientiert sein, die auch wir grundsätzlich als Ziele anerkennen. So meint zum Beispiel der Vatikan, dass es prinzipiell keine Terroristen gibt, die an Gott glauben. (Ja, die scheinen das wirklich zu denken.) Dies alles kann sogar so weit gehen – und der Bushaltestellen-Rowdy weist darauf hin –, dass bei solchen Menschen die Rede von Gründen überhaupt als unangemessen abgelehnt und vollständig durch die Rede von Ursachen ersetzt wird. Ich kann mir keinen Ansatz vorstellen, der weniger hilfreich ist als dieser.