Über das Zurücknehmen
17. April 2007Matthias Kiesselbach
Kurios, wie einfach es ist, etwas Gesagtes zurückzunehmen. Man muss dazu nur den Zauberspruch kennen, mit dem Ministerpräsident Günther Oettinger gestern schließlich eine der peinlicheren Episoden seiner politischen Laufbahn beendete. Er geht so: „Ich halte meine Formulierung nicht aufrecht.“ [tagesschau.de] Man spricht ihn aus, den Zauberspruch, und – hex, hex! – sofort sind sie weg, die Formulierungen, die vorher noch unheilschwanger über einem waberten und einem allerlei Ärger bereiteten. Niemand kann sie einem dann noch unterstellen!
So sieht das Oettinger jedenfalls selbst und fügt hinzu: „Ich distanziere mich davon und glaube, dass damit alles gesagt worden ist.“ Und so sieht das offenbar auch das Präsidium der CDU, das nach den Worten Ronald Pofallas „die Erklärung von Günther Oettinger mit Respekt zur Kenntnis genommen“ hat. [tagesschau.de]
Dies alles spricht dafür, dass die CDU an einer Sprachtheorie festhält, die wir die „Geheimnisvolle-Präsenz-Theorie des Propositionalen Gehaltes“ nennen wollen. Nach dieser Theorie stellt sich nach einer Äußerung, zum Beispiel der Äußerung „Filbinger war ein Gegner des NS-Regimes“, eine geheimnisvolle Präsenz ein, die genau diese Äußerung repräsentiert. Diese wabernde Präsenz ist der Gehalt der Äußerung. Sagt man dann „Ich distanziere mich!“, so verschwindet dieser geheimnisvolle Gehalt wieder, als ob er nie da gewesen wäre. Will man jemanden kritisieren, so muss man sich auf die geheimnisvolle Präsenz beziehen, die seine kritisierten Äußerungen hervorgebracht haben. Aber vorsicht: Hat er bereits „Ich distanziere mich!“ gerufen, so steht man mit leeren Händen da.
Die Geheimnisvolle-Präsenz-Theorie hat nie die wissenschaftliche Würdigung erhalten, die sie im Anbetracht ihrer offensichtlichen Popularität wohl verdient hätte. Ein Aspekt ihrer Attraktivität liegt übrigens darin, dass sie völlig ohne die These auskommt, dass der Gehalt einer Äußerung irgendwie mit den praktischen, also den Handlungs-Zusammenhängen zu tun hat, in die die Äußerung eingebunden ist. Dies ist interessant, denn es erklärt vielleicht, wieso gerade im Zusammenhang mit der Trauerrede auf Hans Filbinger die Theorie so explizit aufgerufen wird. Schließlich ist es nicht unplausibel, dass Filbingers Nazi-Gegnerschaft selber eine geheimnisvolle Präsenz war, die auch dann legitim zugeschrieben werden konnte, wenn sich in seinem Handeln nichts, aber auch gar nichts, von ihr zeigte. (Man nennt solche Präsenzen übrigens auch “Innere Haltung”.)
So lernen wir also nicht nur etwas über das Zurücknehmen, sondern stoßen gleich noch auf eine wenig erforschte Theorie der Sprache. Dafür sollte Günther Oettinger, der dieser Tage so viel Ärger hat, auch mal ein wenig Anerkennung gezollt werden.
[Update vom 1. Mai: Spiegel / Spam hat inzwischen über weitere Rücknahmen von Oettinger berichtet. ]

Sehr gut! Somit haben wir, wenn schon nicht eine Methode zur Erzeugung - , wenigstens einen Nachweis der Existenz von “unrealized possibilities”, nämlich den, dass für eine Menge von Formulierungen (der Mächtigkeit grössergleich eins) ein “Aufrechthaltungs” - Quantor existiert