Diplomatie

8. März 2007
Matthias Kiesselbach

Manchmal, wenn ich in meinen Träumen von einer besseren Welt – einer Welt mindestens ohne Hunger und Armut – übermütig werde, dann stelle ich mir meine Traumwelt als eine Welt ohne Diplomaten vor. Eine Welt ohne Diplomaten, so denke ich mir, ist zwangsläufig auch eine Welt ohne diplomatische Verstimmungen, ohne diplomatische Verwicklungen und ohne diplomatische Spannungen. Ich gebe zu, jene Welt wäre auch eine Welt ohne diplomatische Chancen und ohne diplomatische Lösungen, gar ohne diplomatische Durchbrüche, gebe aber gleichzeitig zu bedenken, dass es in jener Welt ebenfalls keine diplomatischen Probleme gibt, die die Notwendigkeit diplomatischer Lösungen ja erst mit sich bringen. Meine Traumwelt wäre, so sage ich, eine Welt überhaupt ganz ohne diplomatische Kanäle, durch die diplomatische Noten hindurchfließen und manchmal diplomatische Wirbel verursachen. Es wäre eine Welt, in der keine einzige Nachricht mehr aus diplomatischen Kreisen stammt und in der kein einziges Thema mehr aus diplomatischem Kalkül lanciert oder unterdrückt oder diskutiert oder bearbeitet wird. Diese Welt wäre vielleicht kein Paradies, aber ich würde ohne Zweifel sofort in sie umziehen, wenn ich könnte.

Woher mein Gram über die Diplomatie? Mein Gram kommt daher, dass ich nicht verstehe, warum es sie gibt, wie sie funktioniert, und wieso nicht längst jemand auf die Idee gekommen ist, sie abzuschaffen. Dinge, die ich nicht verstehe, gefährden mein Urvertrauen in die Welt, und so wäre ich froh, wenn mir entweder jemand die Diplomatie erklärte oder wenn die Diplomatie freundlicherweise von selbst aufhörte zu existieren.

Vielleicht könnte man mir nun Naivität vorwerfen. Vielleicht sagt man: Die Diplomatie ist ein notwendige Begleiterscheinung der Koexistenz verschiedener Souveräne. Solange es mehr als einen Souverän auf der Erde gibt, müssen die Souveräne miteinander reden und wissen, was die anderen Souveräne so machen. Außerdem müssen sie irgendwie die Waren-, Menschen- und Geldflüsse über ihre Grenzen gestalten. Je mehr Souveräne und je komplexer die Informationsflüsse und die Gestaltungsaufgaben, desto dringender die Notwendigkeit von Spezialisten für diese Dinge: Und das sind eben die Diplomaten. Wer diese Welt nicht grundsätzlich umkrempeln will, der muss mit den Diplomaten auskommen, so sehr sie ihm auch missfallen.

Ja, sage ich dann (nur ein ganz bisschen kleinlauter), aber in alledem sehe ich keine wirkliche Rechtfertigung für das, was auf der Bühne der Diplomatie heute so alles aufgeführt wird. Da werden Botschafter von erzürnten Ministerpräsidenten zurück in die eigene Kapitale beordert – wenn sie nicht gerade vom (anderen) erzürnten Ministerpräsidenten in die Kanzlei des letzteren zitiert werden, auf dass ihnen Noten überreicht werden, in denen die Gründe der aktuellen Missstimmung dargelegt werden. Und zwar in einer Sprache, die so fein ist, dass normalen Menschen die semantischen Nuancen fast vollständig entgehen. Da werden diese Noten dann von Leuten interpretiert, die sich in ihrer ganzen Karriere mit nichts als der Erstellung und Interpretation von Diplomatensprachendokumenten beschäftigen. Die Diplomatensprache übrigens – das habe ich in meiner kurzen Zeit im Auswärtigen Amt gelernt – weist eine extrem hohe Dichte an Metaphern und Ausdrücken aus der wertenden Sprache der Alltagspsychologie auf (Deutschland ist erstaunt, verwundert, äußert sein Bedauern, hofft, ist davon überzeugt, dass die Gegenseite ebenso an einer einvernehmlichen Lösung interessiert ist, erwartet aber auch, äußert seine Bestürzung und drückt seine große Freude aus.) Ist die diplomatische Misstimmung überwunden, so organisiert die Protokoll-Abteilung des Außenministeriums einen Staatsbesuch, zu dem Polizeieskorten, rote Teppiche und absurde Hüte auf den Häuptern von Ehefrauen von wichtigen Diplomaten gehören.

Dies ist es, was ich nicht verstehen kann. Im weltweiten Diplomatenvolk hat sich eine Form der Kommunikation etabliert, die unglaublich ineffizient und umständlich ist, die eine sehr zweifelhafte Ontologie transportiert und die trotz eines extremen Grades an Verfloskelung ständig unter Druck steht, nicht mit den falschen Nuancen mühsam erarbeitete Gleichgewichte zu stören. Wenn ich so mit meinen Mitmenschen reden würde, bräuchte ich Ewigkeiten, um meinen Kram zu regeln und würde ihnen ziemliche Arbeit aufbürden, die Sinnhäppchen aus dem Meer von Unsinn herauszufischen. In der Diplomatie ist das natürlich besonders übel, denn die Kommunikation ist ja ihr Wesen und Daseinszweck. Das schlimmste ist vielleicht, dass diplomatische Verstimmungen echte Konsequenzen haben können! Wenn wir uns zusätzlich ins Bewusstsein rufen, dass wir in einer Welt leben, in der prinzipiell jeder mit jedem schnell und sinnvoll telefonieren kann, mit oder ohne Video, stationär oder mobil, und in der alle möglichen Daten superschnell durch die Drähte geschickt oder in gemeinsamen Datenbanken gepoolt werden können, dann wird der ganze Zirkus in den Botschaften dieser Welt noch absurder. Denkt sich jedenfalls ein Außenstehender wie ich. Mir scheint es so zu sein, dass die Diplomatie eines der besten Beispiele dafür ist, dass Subsysteme (hier: des Regierungsapparates) sich mit der Zeit so sehr verselbständigen und so sehr ihre Kontakte mit den restlichen Systemteilen verlieren, dass ein immer größerer Teil von ihnen zu einer sonderbaren Farce wird.

Und darum träume ich von einer Welt ohne Diplomaten. Dieser Traum hat übrigens eine lange Tradition; gerade habe ich eine hübsche Passage aus Thomas Mores Utopia gefunden, in der ein Kind sich über einen mit Gold und teuren Stoffen bekleideten Botschafter wundert und zu seiner Mutter sagt:

“Look, mother, how great a lubber doth yet wear pearls and precious stones as though he were a little child still.” But the mother, yea and that also in good earnest, “Peace, son, saith she, I think he be some of the ambassadors’ fools.”

[Update: Im Guardian gibt es heute (3. April 2007) einen interessanten Artikel mit vielen Beispielen meiner Punkte im Kontext der absurden Streitigkeiten zwischen Iran und Großbritannien.]

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