CO2-Tortenstücke und Symbolpolitik
8. März 2007Christian Voigt
Das letzte Stück der Torte steht im Kühlschrank. Es gehört jemand anderem, aber man hat noch Appetit. Also was solls, eine kleine Scheibe kann man sich ja noch abschneiden. Das merkt keiner und wenn, dann störts keinen. Ganz gerade geschnitten war das aber nicht… Das muss man noch begradigen. Also noch eine kleine Scheibe.
Und jetzt ist nur noch so wenig da, dass es weniger auffällt, wenn gar nichts mehr da ist…
Solche häufig vorkommenden psychologischen Prozesse nennt man “Slippery Slopes”. Für jeden Schritt innerhalb eines solchen Prozesses kann man auf den ersten Blick gut begründen, dass man großzügig darüber hinweg sehen sollte, weil es sich um einen harmlosen, irrelevanten oder marginalen Schritt handle.
Eine wesentliche Ursache für die Häufigkeit von Slippery Slopes liegt in der Vagheit unserer Begriffe, die keinen Unterschied machen zwischen “ein bisschen mehr” und “ein bisschen weniger”. Gegenüber solcher Vagheit verhalten wir uns wie Tiere, die nur schnelle und abrupte Bewegungen wahrnehmen können, für langsame und ununterbrochene Bewegungen aber blind sind.
Da uns allen diese Gefahr bewußt ist, versuchen wir uns ständig gegenseitig vor drohenden Slippery-Slope-Prozessen zu warnen. Nicht immer sind solche Warnungen berechtigt, denn oft ist die Vagheit und Anpassungsfähigkeit unserer Begriffe für unsere Zwecke gerade angemessen. Es ist eben gerade sinnvoll, dass wir ein Stück Torte immer noch als Stück Torte erkennen, auch wenn ein paar Krümel fehlen. Die Frage ist bloß, wann wir drei gerade sein lassen sollten und wann nicht.
Relevant ist das im Moment in der Diskussion um Co2-Reduktionen, die durch den IPCC Bericht in außergewöhnlichem Masse popularisiert wurde. Besonders angegriffen wird dabei die deutsche Autoindustrie, deren Fürsprecher sie dementsprechend zu verteidigen suchen.
Eines der Argumente, das dabei immer wieder zu hören ist, beruht auf dem Verweis auf die Statistik: Der Anteil des Pkw-Verkehrs am CO2 Ausstoß in Deutschland sei derart gering, dass die Vorwürfe an die Autoindustrie vollkommen unverhältnismäßig seien.
Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass der Anteil des Autoverkehrs an den Co2-Emissionen 20% beträgt, wovon 12% auf den PKW-Verkehr entfallen (Quelle: DAT Leitfaden, Daten aus dem Allokationsplan 2008-2012 der Bundesregierung). Der jeweilige Anteil am PKW-Verkehr beträgt für VW ca. 21%, für Mercedes ca. 9%, für BMW ca. 6%.
Wieviel wird es nun also wohl bringen, wenn deutsche Autos künftig durchschnittlich nur noch 120g/km statt wie gegenwärtig 163g/km CO2 ausstossen? Ähnlich läßt sich gegen ein Verbot herkömmlicher Glühbirnen (wieviel Prozent mag das wohl bringen?) und allgemein gegen Einsparungen im privaten Haushalt (nur 14%) argumentieren.
Sind das nicht legitime und gute “Peanuts”-Argumente? Was bringt es, die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Autowirtschaft zu ruinieren oder auf das schöne, warme Licht der alten Glühbirnen zu verzichten, wenn wir damit doch letzten Endes nichts zur Lösung beitragen? Ja, noch schlimmer: Dadurch dass wir unsere Energie im Kampf gegen Windmühlen verschwenden, fehlt uns die Kraft für echte Maßnahmen und dadurch dass wir Augenwischerei betreiben, verlieren wir die eigentlichen Probleme aus dem Blick. Also Schluss mit der Symbolpolitik!
Was läßt sich auf ein solches “Peanuts!”-Argument antworten? Man kann wohl nicht anders, als mit einem Verweis auf mögliche Slippery-Slope Prozesse antworten: Dass eine Massnahme für sich genommen nur sehr wenig zur Reduktion der CO2 Emissionen beiträgt, reicht noch lange nicht als Rechtfertigung dafür aus, diese Massnahme zu unterlassen. Vielmehr muss gezeigt werden, dass das Unterlassen dieser Massnahme erstens nicht in einer negativen Kettenreaktion dazu führt, dass andere Massnahmen zur CO2 Reduktion ebenfalls unterlassen werden und zwar sowohl in anderen Sektoren, als auch auf internationaler Ebene. Zweitens muss gezeigt werden, dass die Umsetzung einer solchen Massnahme nichts zu einer positiven Kettenreaktion beitragen würde, dass sie also z.B. nicht zu einem Umdenken der Produzenten oder Konsumenten führen würde, das weitere, vielleicht effektivere Massnahmen zur Folge hätte. Selbst wenn eine Massnahme wie das Verbot herkömmlicher Glühbirnen “reine Symbolpolitik” ist, sollte man die verhaltensändernde psychologische Kraft solcher Symbole in den Köpfen von Bürgern und Politikern nicht unterschätzen.
Auf solche Slippery-Slope Argumente haben die Vertreter der Autoindustrie und diejenigen, die vor “Symbolpolitik” warnen, bisher noch keine überzeugende Antwort gebracht. Auch wenn es auf den Tortendiagrammen so ausschaut, als wäre noch genug von der Torte übrig, wenn man das schmale Stück der deutschen Autoindustrie hinausschneidet, so kann das doch im Endeffekt schnell dazu führen, das nichts mehr von der Torte übrig bleibt.
Nachtrag: Dasselbe Problem kollektiven Handels taucht natürlich auch auf internationaler Ebene auf. Auch hier verweisen Vertreter der Hauptakteure (EU, USA) auf ihren “geringen” Anteil an den globalen CO2 Emissionen, um damit zu begründen, dass es keinen Unterschied mache, ob sie Massnahmen ergreifen oder nicht. Den direkten Bezug stellt z.B. dieser Artikel vom 9.3.2007 bei Spiegel Online her.

Zweiter Nachtrag: Hier ist ein Beispiel für ein Peanutsargument, das sich auf die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf deutschen Autobahnen bezieht (Sueddeutsche Zeitung, 11.3.2007). Dank an Eugen für den Hinweis.
Hier ein weiteres Beispiel: Ein Interview mit dem Ryanair-Chef in der Sueddeutschen.
SZ: Herr O’Leary, in den vergangenen Wochen waren die Schadstoffemissionen das Thema schlechthin in den Medien. Die europäischen Fluglinien werden nicht umhin kommen, beim Emissionshandel mitzumachen.
O’Leary: Nein, stimmt nicht. Das Problem ist, dass die europäischen Fluglinien von Idioten bei British Airways oder Easyjet vertreten werden, die den Emissionshandel befürworten. Das ist doch nur eine Steuer auf das Reisen. Wir sollten dagegen sein. Der Luftverkehr ist für zwei Prozent der Emissionen verantwortlich - wir sollten ihn billiger machen und nicht teurer. Wir haben so viel in neue Technologien investiert, dass der Ausstoß pro Passagier immer weiter sinkt. Aber diese Idioten sind ja besessen davon, ja nur politisch korrekt zu sein und bei der Umweltlobby nicht anzuecken.
SZ: Also, was tun?
O’Leary: Den Luftverkehr weiter zu besteuern wird überhaupt nichts bringen. Sie können die Fliegerei zwei Jahre lang komplett einstellen, und es wird nichts ändern. Wenn Sie wirklich was tun wollen, sollten sie sich mal um Kraftwerke kümmern, die sind für 26 Prozent verantwortlich. Die ganze Debatte ist doch sowieso absurd: Russland wird nichts machen, die USA auch nicht, Asien auch nicht. Die lachen doch über diese Liberalen aus der europäischen Mittelklasse, die ach so besorgt sind. Die Chinesen nehmen jede Woche ein neues Kraftwerk in Betrieb.

Es wäre viel interessanter, wenn z.B. die AutoLobby - auch und vor allem in der Öffentlichkeit - anstatt der Peanuts-Argumente ein Disproportion-Argument bringen würde, etwa von der Form:
1.Die Reduktion der CO2-Emissionen auf 120 g/km reduziert den Ausstoß von CO2-Emissionen um X%.
2.Um die Reduktion der CO2-Emissionen auf 120 g/km zu erreichen, muss ein hoher technischer Aufwand betrieben werden.
3.Ein hoher technischer Einwand führt zu hohen Preisen von Endprodukten (deutsche Luxusautos)
4.Teure Endprodukte haben einen Wettbewerbsnachteil gegenüber billigeren Produkten
5.Der Wettbewerbsnachteil kann unter Umständen so groß sein, dass Y Arbeitsplätze verloren gehen.
6.Ergo: Die Reduktion der CO2-Emissionen auf 120 g/km kann unter Umständen zum Verlust von Y Arbeitsplätzen führen.
7.Es ist besser, die X% an CO2-Emissionen anders einzusparen als durch eine Methode, die unter Umständen zum Verlust von Y Arbeitsplätzen führen kann.
8.Wenn wir zwischen zwei Handlungsoptionen zu entscheiden haben, sollen wir diejenige Option umsetzen, die uns – gegeben unser Wissen – als die bessere erscheint.
9.Ergo: Es ist besser, die X% an CO2-Emissionen anders einzusparen als durch die Reduktion der Autoabgase.
Doch Christian hat recht, in der Presse begegnen einem lauter Penuts-Argumente.
Nur kurz zur Klarstellung: Ich hab ja nicht behauptet, dass die Autolobby ein Slippery-Slope-Argument vertritt. Vielmehr vertritt die (unter anderem) ein “Peanuts!”-Argument, indem sie auf die geringe Prozentzahl verweist. Als Antwort auf dieses Argument bietet es sich an, mit einem (oder mehreren) Slippery Slopes zu argumentieren.
Natürlich gibt es nicht nur ein Argument der Autolobby, sondern viele. Dein Argument ist sicherlich besser und interessanter, als das Argument, das ich untersucht habe. Aber die eigentliche Diskussion befindet sich meiner Meinung nach auf einem niedrigeren Niveau. Das war es, was ich eigentlich kritisieren wollte.
Hier noch ein Beispiel für peanut-Argumente:
»Wenn wir damit aufhören, wird der Klimawandel nicht gestoppt«, sagt von Heereman [erantwortet bei TUIfly die Verkehrspolitik, EP]. Sicher stießen Flugzeuge CO2 aus, aber im Vergleich zur Gesamtmenge sei der Anteil doch eher gering. »Wenn kein Flugzeug mehr in der EU fliegt, werden nur 0,2 Prozent der weltweiten Emissionen gespart.«