Archiv des Monats März 2007

Von “man” zu “mensch” und wieder zurück

von Matthias Kiesselbach
Samstag, 24. März 2007

In meiner Universität entsteht, wie ich einer Werbe-e-mail entnehme, ein studentisches Café, in dem „mensch“ entspannen kann. Ich weiß nicht, wie es anderen dabei geht, aber immer, wenn ich solche e-mails bekomme, werde ich ganz hippelig. Ich bekomme den Inhalt der e-mail dann nur noch am Rande mit und konzentriere mich stattdessen ganz auf das kleingeschriebene Wort „mensch“. Nicht, weil es mich so nervt, dass ein bewährtes und liebgewonnenes Stück deutscher Sprache wie „man“ so brüsk in den Ruhestand geschickt wird, und auch nicht, weil es mich so erfreut, dass dem Ungeist des männlichen Chauvinismus wieder ein kleines Stück sprachliches Terrain abgejagt wird. Ich weiß auch nicht so recht, warum ich so unruhig werde, aber ich glaube, es hat damit zu tun, dass während alle anderen Wörter der e-mail schläfrig an mir vorbeiziehen, das Wort „mensch“ direkt vor meiner Nase eine Pirouette tanzt und dabei eine Fahne schwenkend die Internationale singt. Ich kann nicht anders als das Wort „mensch“ ganz individuell und mitsamt dem ganzen Paket politischer Ansinnen hinter ihm wahrzunehmen – während keinem anderen Wort von „Café“ über „Universität“ bis „entspannen“ so etwas auch nur annähernd gelingt. Wer wird da nicht hippelig?

Dem politischen Anliegen, das ich hinter dem Wort ausmache, stehe ich übrigens nicht ohne Sympathie gegenüber. Ich finde, dass das Geschlecht in (fast?) keinem Kontext ethisch relevant ist und folglich nicht als relevant behandelt werden darf. Und dass die Gleichbehandlung von Mann und Frau ein zustimmungswürdiges Gebot ist, über das genauer nachzudenken sich lohnt. Und dass Frauen in unserer Gesellschaft insgesamt weniger zu lachen haben als Männer. Ich singe sogar selber ab und zu die Internationale. Doch obwohl das alles für mich außer Frage steht, werde ich wie gesagt jedes Mal unruhig, wenn mir StudentInnen das Wort „mensch“ auftischen.

Unruhig zu werden heißt freilich nicht „ablehnen“. Ich kann mit dem Wort „mensch“ leben, wie ich mit dem Wort „StudentInnen“ leben kann, und ich bin überhaupt bereit, meine sprachlichen Sensibilitäten anzupassen an die neuen Worte der political correctness. Obwohl ich „mensch“ und „StudentInnen“ irgendwie hässlich finde, würde es mich keine allzu große Überwindung kosten, diese Worte in mein aktives Vokabular einzugliedern. Ich stelle keine hohen ästhetischen Ansprüche an meine Sprache, solange ich verstanden werde. Doch eben weil das Verstandenwerden für mich das eigentlich Wichtige ist am Sprechen, verstehe ich auch nicht so ganz, warum es anderen so wichtig ist, „man“ durch „mensch“ zu ersetzen.

In der Philosophie, in der ich sozialisiert wurde, wird das Phänomen der Bedeutung, welches freilich nichts anderes ist als die Rückseite des Verstehens, spätestens seit Frege als das Bündel logischer Eigenschaften eines Ausdruckes aufgefasst, nicht als psychologisches Dingsbums, das in unserem Gehirn oder Geist auftaucht, wenn wir etwas sagen oder hören. Und wer sich für die logischen Eigenschaften eines Ausdruckes interessiert, so rät die Philosophie, der studiere die Weise, in der der Ausdruck verwendet wird. Nach den aussichtsreicheren Bedeutungstheorien meines Faches heißt das, dass er die Inferenzen studieren muss, zu denen die Verwendung eines Ausdruckes berechtigt bzw. verpflichtet (inklusive der nicht-inferenziellen Umstände und Konsequenzen der Verwendung, müsste ich der Genauigkeit halber hinzufügen). Tut er das, hat er die Bedeutung des Ausdruckes im Griff. Weder der Klang, noch die psychischen Begleiterscheinungen, noch die Geschichte oder Etymologie eines Ausdrucks brauchen ihn dann noch zu interessieren. Die Sache ist nun die, dass die Inferenzen – und überhaupt die Weisen der Verwendung – der neuen Ausdrücke à la „mensch“ sich überhaupt nicht unterscheiden von den alten Ausdrücken à la „man“. Kurzum: Aus der Sicht des an der Bedeutung von Ausdrücken interessierten Philosophen ist es völlig egal, ob wir „mensch“ oder „man“ sagen, oder (in den meisten Kontexten) „StudentInnen“ oder „Studenten“.

Wer mich dazu bringen will, „mensch“ statt „man“ zu sagen, der hat nun im Angesicht meiner philosophischen Sozialisierung mehrere Möglichkeiten. Entweder er greift die (hier nur ganz grob skizzierte) Bedeutungstheorie an, die mich so beeindruckt. Das kann er auf verschiedene Weisen tun. Er kann Freges Anti-Psychologismus angreifen. Er kann die These der Verankerung der Bedeutung eines Ausdruckes in seiner Verwendung angreifen. Oder er kann den Inferenzialismus angreifen, also die Idee, dass wir nicht mehr als das inferenzielle Geflecht um einen Ausdruck beherrschen müssen, um ihn zu verstehen. Über diese drei Strategien werde ich erst schreiben, wenn jemand bereit ist, sie wirklich zu ergreifen. Ich glaube aber nicht, dass man mit ihnen besonders weit kommt. Zweitens kann er behaupten, dass die neuen Ausdrücke sich sehr wohl in ihren inferenziellen Eigenschaften von den alten unterscheiden. Drittens kann er erklären, es ginge ihm gar nicht um die Bedeutung, sondern um ganz andere Aspekte der Ausdrücke. Vielleicht um die Gefühle, die die Verwendung der fraglichen Worte mit sich bringt. Oder um die Tatsache, dass die Worte symptomatisch sind für bestimmte politische Verhaltens- oder Sichtweisen. Schließlich kann er viertens behaupten, dass es ihm weder um die Bedeutung noch um andere Aspekte der Ausdrücke geht, sondern dass er in seinem Spiel mit der Sprache einfach die Chance sah, seiner Umwelt einmal seine Meinung zu sagen – in diesem Fall seine Meinung zur Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Er kann dann an mich appellieren, das gleiche zu tun.

Was soll ich davon halten? Zur ersten Strategie, also des Angriffes auf meine bedeutungstheoretischen Überzeugungen, wollte ich hier nichts schreiben, und die Beweislast liegt sicher nicht bei mir. Zur zweiten Strategie – das Beharren auf inferenzielle Unterschieden – ist zunächst auch nur zu sagen, dass die Beweislast dafür erst einmal nicht bei mir liegt, und dass ich es zudem für völlig unplausibel halte, dass die inferenziellen Eigenschaften von „mensch“ sich irgendwie unterscheiden von denen von „man“. Freilich, bei „Neger“ oder „Saupreuße“ ist das anders. Diese Bezeichner haben in der Tat andere inferenzielle Profile als „Mensch schwarzer Hautfarbe“ oder „Mensch preußischer Herkunft“, und dies ist genau der Grund, warum ich mich weigere, „Neger“ oder „Saupreuße“ zu sagen. Im Fall von „mensch“ können wir so etwas aber kaum behaupten, denn die Idee ist ja gerade, dass er immer und genau dann verwandt wird, wenn andere Leute „man“ sagen würden. Die dritte Strategie ist wohl die am häufigsten vertretene, oder besser: es ist die Strategie, auf die sich die meisten politisch korrekten Sprach-Veränderer auf Nachfrage zurückziehen. Es gehe ihnen nicht um die Bedeutung, sondern um andere Aspekte des Wortes, vielleicht um die Gefühle, die es auslöst, oder um die Dinge, für die es „steht“. Ich werde nächste Woche dazu etwas schreiben, weil ich darüber sowieso gerade im Rahmen meiner Arbeit nachdenke An dieser Stelle nur so viel: Wenn ich „man“ sage, habe ich dabei überhaupt keine Gefühle. Wenn ich „mensch“ sage, auch nicht – bis auf die beschriebene Tatsache meiner Unruhe, doch die liegt einfach daran, dass das Wort so ungewohnt ist und daher besonders auffällt. Ebenso unbefriedigend finde ich die Idee, dass ein Wort ein Symptom für etwas ist, und zwar auf eine Weise, die uns von der weiteren Verwendung abhalten sollte. Es ist natürlich wahr, dass Wörter oft gesellschaftliche Realitäten reflektieren, aber sie befreien sich immer über kurz oder lang ganz von selbst von den unangenehmen Umständen ihrer Einführung. Sogar „Idiot“ ist heute eine akzeptable Bezeichnung für Idioten (zur Etymologie geht es hier).

Anders ist es bei der letzten Strategie. Denn diese leuchtet mir ein. Wer „mensch“ statt „man“ sagt und dann die Aufmerksamkeit nutzen will, die ihm durch das ungewohnte Wort zuteil wird, der will ganz einfach mittels eines kleinen Spiels mit der Sprache etwas mitteilen. Und das ist auch in Ordnung. Aber obwohl ich mit der intendierten Mitteilung durchaus einverstanden bin, gibt mir dies zwei Gründe, doch beim „man“ zu bleiben. Erstens sind die Leute, mit denen ich normalerweise rede, bereits von dem Gebot der Geschlechtergerechtigkeit überzeugt. Ich glaube, ich würde sie nerven, wenn ich mit der gleichen Sache immer wieder ankomme, und außerdem wäre es viel interessanter, mit ihnen darüber zu reden, was genau das Gebot eigentlich impliziert. Zweitens funktioniert der Trick nur dann, wenn das Wort „mensch“ eine Ausnahme bleibt. Wenn alle es verwenden würden, dann würde es ja wieder keinem auffallen. Vielleicht wäre es am besten, wenn wir in dem Fall, dass wir etwas zu sagen haben – es einfach sagen.

CO2-Tortenstücke und Symbolpolitik

von Christian Voigt
Donnerstag, 8. März 2007

Lecker CO2Das letzte Stück der Torte steht im Kühlschrank. Es gehört jemand anderem, aber man hat noch Appetit. Also was solls, eine kleine Scheibe kann man sich ja noch abschneiden. Das merkt keiner und wenn, dann störts keinen. Ganz gerade geschnitten war das aber nicht… Das muss man noch begradigen. Also noch eine kleine Scheibe.

Und jetzt ist nur noch so wenig da, dass es weniger auffällt, wenn gar nichts mehr da ist…

Solche häufig vorkommenden psychologischen Prozesse nennt man “Slippery Slopes”. Für jeden Schritt innerhalb eines solchen Prozesses kann man auf den ersten Blick gut begründen, dass man großzügig darüber hinweg sehen sollte, weil es sich um einen harmlosen, irrelevanten oder marginalen Schritt handle.

Eine wesentliche Ursache für die Häufigkeit von Slippery Slopes liegt in der Vagheit unserer Begriffe, die keinen Unterschied machen zwischen “ein bisschen mehr” und “ein bisschen weniger”. Gegenüber solcher Vagheit verhalten wir uns wie Tiere, die nur schnelle und abrupte Bewegungen wahrnehmen können, für langsame und ununterbrochene Bewegungen aber blind sind.

Da uns allen diese Gefahr bewußt ist, versuchen wir uns ständig gegenseitig vor drohenden Slippery-Slope-Prozessen zu warnen. Nicht immer sind solche Warnungen berechtigt, denn oft ist die Vagheit und Anpassungsfähigkeit unserer Begriffe für unsere Zwecke gerade angemessen. Es ist eben gerade sinnvoll, dass wir ein Stück Torte immer noch als Stück Torte erkennen, auch wenn ein paar Krümel fehlen. Die Frage ist bloß, wann wir drei gerade sein lassen sollten und wann nicht.

Relevant ist das im Moment in der Diskussion um Co2-Reduktionen, die durch den IPCC Bericht in außergewöhnlichem Masse popularisiert wurde. Besonders angegriffen wird dabei die deutsche Autoindustrie, deren Fürsprecher sie dementsprechend zu verteidigen suchen.

Eines der Argumente, das dabei immer wieder zu hören ist, beruht auf dem Verweis auf die Statistik: Der Anteil des Pkw-Verkehrs am CO2 Ausstoß in Deutschland sei derart gering, dass die Vorwürfe an die Autoindustrie vollkommen unverhältnismäßig seien.

Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass der Anteil des Autoverkehrs an den Co2-Emissionen 20% beträgt, wovon 12% auf den PKW-Verkehr entfallen (Quelle: DAT Leitfaden, Daten aus dem Allokationsplan 2008-2012 der Bundesregierung). Der jeweilige Anteil am PKW-Verkehr beträgt für VW ca. 21%, für Mercedes ca. 9%, für BMW ca. 6%.

Wieviel wird es nun also wohl bringen, wenn deutsche Autos künftig durchschnittlich nur noch 120g/km statt wie gegenwärtig 163g/km CO2 ausstossen? Ähnlich läßt sich gegen ein Verbot herkömmlicher Glühbirnen (wieviel Prozent mag das wohl bringen?) und allgemein gegen Einsparungen im privaten Haushalt (nur 14%) argumentieren.

Sind das nicht legitime und gute “Peanuts”-Argumente? Was bringt es, die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Autowirtschaft zu ruinieren oder auf das schöne, warme Licht der alten Glühbirnen zu verzichten, wenn wir damit doch letzten Endes nichts zur Lösung beitragen? Ja, noch schlimmer: Dadurch dass wir unsere Energie im Kampf gegen Windmühlen verschwenden, fehlt uns die Kraft für echte Maßnahmen und dadurch dass wir Augenwischerei betreiben, verlieren wir die eigentlichen Probleme aus dem Blick. Also Schluss mit der Symbolpolitik!

Was läßt sich auf ein solches “Peanuts!”-Argument antworten? Man kann wohl nicht anders, als mit einem Verweis auf mögliche Slippery-Slope Prozesse antworten: Dass eine Massnahme für sich genommen nur sehr wenig zur Reduktion der CO2 Emissionen beiträgt, reicht noch lange nicht als Rechtfertigung dafür aus, diese Massnahme zu unterlassen. Vielmehr muss gezeigt werden, dass das Unterlassen dieser Massnahme erstens nicht in einer negativen Kettenreaktion dazu führt, dass andere Massnahmen zur CO2 Reduktion ebenfalls unterlassen werden und zwar sowohl in anderen Sektoren, als auch auf internationaler Ebene. Zweitens muss gezeigt werden, dass die Umsetzung einer solchen Massnahme nichts zu einer positiven Kettenreaktion beitragen würde, dass sie also z.B. nicht zu einem Umdenken der Produzenten oder Konsumenten führen würde, das weitere, vielleicht effektivere Massnahmen zur Folge hätte. Selbst wenn eine Massnahme wie das Verbot herkömmlicher Glühbirnen “reine Symbolpolitik” ist, sollte man die verhaltensändernde psychologische Kraft solcher Symbole in den Köpfen von Bürgern und Politikern nicht unterschätzen.

Auf solche Slippery-Slope Argumente haben die Vertreter der Autoindustrie und diejenigen, die vor “Symbolpolitik” warnen, bisher noch keine überzeugende Antwort gebracht. Auch wenn es auf den Tortendiagrammen so ausschaut, als wäre noch genug von der Torte übrig, wenn man das schmale Stück der deutschen Autoindustrie hinausschneidet, so kann das doch im Endeffekt schnell dazu führen, das nichts mehr von der Torte übrig bleibt.

Nachtrag: Dasselbe Problem kollektiven Handels taucht natürlich auch auf internationaler Ebene auf. Auch hier verweisen Vertreter der Hauptakteure (EU, USA) auf ihren “geringen” Anteil an den globalen CO2 Emissionen, um damit zu begründen, dass es keinen Unterschied mache, ob sie Massnahmen ergreifen oder nicht. Den direkten Bezug stellt z.B. dieser Artikel vom 9.3.2007 bei Spiegel Online her.
Lecker CO2

Zweiter Nachtrag: Hier ist ein Beispiel für ein Peanutsargument, das sich auf die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf deutschen Autobahnen bezieht (Sueddeutsche Zeitung, 11.3.2007). Dank an Eugen für den Hinweis.

Hier ein weiteres Beispiel: Ein Interview mit dem Ryanair-Chef in der Sueddeutschen.

SZ: Herr O’Leary, in den vergangenen Wochen waren die Schadstoffemissionen das Thema schlechthin in den Medien. Die europäischen Fluglinien werden nicht umhin kommen, beim Emissionshandel mitzumachen.

O’Leary: Nein, stimmt nicht. Das Problem ist, dass die europäischen Fluglinien von Idioten bei British Airways oder Easyjet vertreten werden, die den Emissionshandel befürworten. Das ist doch nur eine Steuer auf das Reisen. Wir sollten dagegen sein. Der Luftverkehr ist für zwei Prozent der Emissionen verantwortlich - wir sollten ihn billiger machen und nicht teurer. Wir haben so viel in neue Technologien investiert, dass der Ausstoß pro Passagier immer weiter sinkt. Aber diese Idioten sind ja besessen davon, ja nur politisch korrekt zu sein und bei der Umweltlobby nicht anzuecken.

SZ: Also, was tun?

O’Leary: Den Luftverkehr weiter zu besteuern wird überhaupt nichts bringen. Sie können die Fliegerei zwei Jahre lang komplett einstellen, und es wird nichts ändern. Wenn Sie wirklich was tun wollen, sollten sie sich mal um Kraftwerke kümmern, die sind für 26 Prozent verantwortlich. Die ganze Debatte ist doch sowieso absurd: Russland wird nichts machen, die USA auch nicht, Asien auch nicht. Die lachen doch über diese Liberalen aus der europäischen Mittelklasse, die ach so besorgt sind. Die Chinesen nehmen jede Woche ein neues Kraftwerk in Betrieb.

Diplomatie

von Matthias Kiesselbach
Donnerstag, 8. März 2007

Manchmal, wenn ich in meinen Träumen von einer besseren Welt – einer Welt mindestens ohne Hunger und Armut – übermütig werde, dann stelle ich mir meine Traumwelt als eine Welt ohne Diplomaten vor. Eine Welt ohne Diplomaten, so denke ich mir, ist zwangsläufig auch eine Welt ohne diplomatische Verstimmungen, ohne diplomatische Verwicklungen und ohne diplomatische Spannungen. Ich gebe zu, jene Welt wäre auch eine Welt ohne diplomatische Chancen und ohne diplomatische Lösungen, gar ohne diplomatische Durchbrüche, gebe aber gleichzeitig zu bedenken, dass es in jener Welt ebenfalls keine diplomatischen Probleme gibt, die die Notwendigkeit diplomatischer Lösungen ja erst mit sich bringen. Meine Traumwelt wäre, so sage ich, eine Welt überhaupt ganz ohne diplomatische Kanäle, durch die diplomatische Noten hindurchfließen und manchmal diplomatische Wirbel verursachen. Es wäre eine Welt, in der keine einzige Nachricht mehr aus diplomatischen Kreisen stammt und in der kein einziges Thema mehr aus diplomatischem Kalkül lanciert oder unterdrückt oder diskutiert oder bearbeitet wird. Diese Welt wäre vielleicht kein Paradies, aber ich würde ohne Zweifel sofort in sie umziehen, wenn ich könnte.

Woher mein Gram über die Diplomatie? Mein Gram kommt daher, dass ich nicht verstehe, warum es sie gibt, wie sie funktioniert, und wieso nicht längst jemand auf die Idee gekommen ist, sie abzuschaffen. Dinge, die ich nicht verstehe, gefährden mein Urvertrauen in die Welt, und so wäre ich froh, wenn mir entweder jemand die Diplomatie erklärte oder wenn die Diplomatie freundlicherweise von selbst aufhörte zu existieren.

Vielleicht könnte man mir nun Naivität vorwerfen. Vielleicht sagt man: Die Diplomatie ist ein notwendige Begleiterscheinung der Koexistenz verschiedener Souveräne. Solange es mehr als einen Souverän auf der Erde gibt, müssen die Souveräne miteinander reden und wissen, was die anderen Souveräne so machen. Außerdem müssen sie irgendwie die Waren-, Menschen- und Geldflüsse über ihre Grenzen gestalten. Je mehr Souveräne und je komplexer die Informationsflüsse und die Gestaltungsaufgaben, desto dringender die Notwendigkeit von Spezialisten für diese Dinge: Und das sind eben die Diplomaten. Wer diese Welt nicht grundsätzlich umkrempeln will, der muss mit den Diplomaten auskommen, so sehr sie ihm auch missfallen.

Ja, sage ich dann (nur ein ganz bisschen kleinlauter), aber in alledem sehe ich keine wirkliche Rechtfertigung für das, was auf der Bühne der Diplomatie heute so alles aufgeführt wird. Da werden Botschafter von erzürnten Ministerpräsidenten zurück in die eigene Kapitale beordert – wenn sie nicht gerade vom (anderen) erzürnten Ministerpräsidenten in die Kanzlei des letzteren zitiert werden, auf dass ihnen Noten überreicht werden, in denen die Gründe der aktuellen Missstimmung dargelegt werden. Und zwar in einer Sprache, die so fein ist, dass normalen Menschen die semantischen Nuancen fast vollständig entgehen. Da werden diese Noten dann von Leuten interpretiert, die sich in ihrer ganzen Karriere mit nichts als der Erstellung und Interpretation von Diplomatensprachendokumenten beschäftigen. Die Diplomatensprache übrigens – das habe ich in meiner kurzen Zeit im Auswärtigen Amt gelernt – weist eine extrem hohe Dichte an Metaphern und Ausdrücken aus der wertenden Sprache der Alltagspsychologie auf (Deutschland ist erstaunt, verwundert, äußert sein Bedauern, hofft, ist davon überzeugt, dass die Gegenseite ebenso an einer einvernehmlichen Lösung interessiert ist, erwartet aber auch, äußert seine Bestürzung und drückt seine große Freude aus.) Ist die diplomatische Misstimmung überwunden, so organisiert die Protokoll-Abteilung des Außenministeriums einen Staatsbesuch, zu dem Polizeieskorten, rote Teppiche und absurde Hüte auf den Häuptern von Ehefrauen von wichtigen Diplomaten gehören.

Dies ist es, was ich nicht verstehen kann. Im weltweiten Diplomatenvolk hat sich eine Form der Kommunikation etabliert, die unglaublich ineffizient und umständlich ist, die eine sehr zweifelhafte Ontologie transportiert und die trotz eines extremen Grades an Verfloskelung ständig unter Druck steht, nicht mit den falschen Nuancen mühsam erarbeitete Gleichgewichte zu stören. Wenn ich so mit meinen Mitmenschen reden würde, bräuchte ich Ewigkeiten, um meinen Kram zu regeln und würde ihnen ziemliche Arbeit aufbürden, die Sinnhäppchen aus dem Meer von Unsinn herauszufischen. In der Diplomatie ist das natürlich besonders übel, denn die Kommunikation ist ja ihr Wesen und Daseinszweck. Das schlimmste ist vielleicht, dass diplomatische Verstimmungen echte Konsequenzen haben können! Wenn wir uns zusätzlich ins Bewusstsein rufen, dass wir in einer Welt leben, in der prinzipiell jeder mit jedem schnell und sinnvoll telefonieren kann, mit oder ohne Video, stationär oder mobil, und in der alle möglichen Daten superschnell durch die Drähte geschickt oder in gemeinsamen Datenbanken gepoolt werden können, dann wird der ganze Zirkus in den Botschaften dieser Welt noch absurder. Denkt sich jedenfalls ein Außenstehender wie ich. Mir scheint es so zu sein, dass die Diplomatie eines der besten Beispiele dafür ist, dass Subsysteme (hier: des Regierungsapparates) sich mit der Zeit so sehr verselbständigen und so sehr ihre Kontakte mit den restlichen Systemteilen verlieren, dass ein immer größerer Teil von ihnen zu einer sonderbaren Farce wird.

Und darum träume ich von einer Welt ohne Diplomaten. Dieser Traum hat übrigens eine lange Tradition; gerade habe ich eine hübsche Passage aus Thomas Mores Utopia gefunden, in der ein Kind sich über einen mit Gold und teuren Stoffen bekleideten Botschafter wundert und zu seiner Mutter sagt:

“Look, mother, how great a lubber doth yet wear pearls and precious stones as though he were a little child still.” But the mother, yea and that also in good earnest, “Peace, son, saith she, I think he be some of the ambassadors’ fools.”

[Update: Im Guardian gibt es heute (3. April 2007) einen interessanten Artikel mit vielen Beispielen meiner Punkte im Kontext der absurden Streitigkeiten zwischen Iran und Großbritannien.]