Von “man” zu “mensch” und wieder zurück
von Matthias KiesselbachSamstag, 24. März 2007
In meiner Universität entsteht, wie ich einer Werbe-e-mail entnehme, ein studentisches Café, in dem „mensch“ entspannen kann. Ich weiß nicht, wie es anderen dabei geht, aber immer, wenn ich solche e-mails bekomme, werde ich ganz hippelig. Ich bekomme den Inhalt der e-mail dann nur noch am Rande mit und konzentriere mich stattdessen ganz auf das kleingeschriebene Wort „mensch“. Nicht, weil es mich so nervt, dass ein bewährtes und liebgewonnenes Stück deutscher Sprache wie „man“ so brüsk in den Ruhestand geschickt wird, und auch nicht, weil es mich so erfreut, dass dem Ungeist des männlichen Chauvinismus wieder ein kleines Stück sprachliches Terrain abgejagt wird. Ich weiß auch nicht so recht, warum ich so unruhig werde, aber ich glaube, es hat damit zu tun, dass während alle anderen Wörter der e-mail schläfrig an mir vorbeiziehen, das Wort „mensch“ direkt vor meiner Nase eine Pirouette tanzt und dabei eine Fahne schwenkend die Internationale singt. Ich kann nicht anders als das Wort „mensch“ ganz individuell und mitsamt dem ganzen Paket politischer Ansinnen hinter ihm wahrzunehmen – während keinem anderen Wort von „Café“ über „Universität“ bis „entspannen“ so etwas auch nur annähernd gelingt. Wer wird da nicht hippelig?
Dem politischen Anliegen, das ich hinter dem Wort ausmache, stehe ich übrigens nicht ohne Sympathie gegenüber. Ich finde, dass das Geschlecht in (fast?) keinem Kontext ethisch relevant ist und folglich nicht als relevant behandelt werden darf. Und dass die Gleichbehandlung von Mann und Frau ein zustimmungswürdiges Gebot ist, über das genauer nachzudenken sich lohnt. Und dass Frauen in unserer Gesellschaft insgesamt weniger zu lachen haben als Männer. Ich singe sogar selber ab und zu die Internationale. Doch obwohl das alles für mich außer Frage steht, werde ich wie gesagt jedes Mal unruhig, wenn mir StudentInnen das Wort „mensch“ auftischen.
Unruhig zu werden heißt freilich nicht „ablehnen“. Ich kann mit dem Wort „mensch“ leben, wie ich mit dem Wort „StudentInnen“ leben kann, und ich bin überhaupt bereit, meine sprachlichen Sensibilitäten anzupassen an die neuen Worte der political correctness. Obwohl ich „mensch“ und „StudentInnen“ irgendwie hässlich finde, würde es mich keine allzu große Überwindung kosten, diese Worte in mein aktives Vokabular einzugliedern. Ich stelle keine hohen ästhetischen Ansprüche an meine Sprache, solange ich verstanden werde. Doch eben weil das Verstandenwerden für mich das eigentlich Wichtige ist am Sprechen, verstehe ich auch nicht so ganz, warum es anderen so wichtig ist, „man“ durch „mensch“ zu ersetzen.
In der Philosophie, in der ich sozialisiert wurde, wird das Phänomen der Bedeutung, welches freilich nichts anderes ist als die Rückseite des Verstehens, spätestens seit Frege als das Bündel logischer Eigenschaften eines Ausdruckes aufgefasst, nicht als psychologisches Dingsbums, das in unserem Gehirn oder Geist auftaucht, wenn wir etwas sagen oder hören. Und wer sich für die logischen Eigenschaften eines Ausdruckes interessiert, so rät die Philosophie, der studiere die Weise, in der der Ausdruck verwendet wird. Nach den aussichtsreicheren Bedeutungstheorien meines Faches heißt das, dass er die Inferenzen studieren muss, zu denen die Verwendung eines Ausdruckes berechtigt bzw. verpflichtet (inklusive der nicht-inferenziellen Umstände und Konsequenzen der Verwendung, müsste ich der Genauigkeit halber hinzufügen). Tut er das, hat er die Bedeutung des Ausdruckes im Griff. Weder der Klang, noch die psychischen Begleiterscheinungen, noch die Geschichte oder Etymologie eines Ausdrucks brauchen ihn dann noch zu interessieren. Die Sache ist nun die, dass die Inferenzen – und überhaupt die Weisen der Verwendung – der neuen Ausdrücke à la „mensch“ sich überhaupt nicht unterscheiden von den alten Ausdrücken à la „man“. Kurzum: Aus der Sicht des an der Bedeutung von Ausdrücken interessierten Philosophen ist es völlig egal, ob wir „mensch“ oder „man“ sagen, oder (in den meisten Kontexten) „StudentInnen“ oder „Studenten“.
Wer mich dazu bringen will, „mensch“ statt „man“ zu sagen, der hat nun im Angesicht meiner philosophischen Sozialisierung mehrere Möglichkeiten. Entweder er greift die (hier nur ganz grob skizzierte) Bedeutungstheorie an, die mich so beeindruckt. Das kann er auf verschiedene Weisen tun. Er kann Freges Anti-Psychologismus angreifen. Er kann die These der Verankerung der Bedeutung eines Ausdruckes in seiner Verwendung angreifen. Oder er kann den Inferenzialismus angreifen, also die Idee, dass wir nicht mehr als das inferenzielle Geflecht um einen Ausdruck beherrschen müssen, um ihn zu verstehen. Über diese drei Strategien werde ich erst schreiben, wenn jemand bereit ist, sie wirklich zu ergreifen. Ich glaube aber nicht, dass man mit ihnen besonders weit kommt. Zweitens kann er behaupten, dass die neuen Ausdrücke sich sehr wohl in ihren inferenziellen Eigenschaften von den alten unterscheiden. Drittens kann er erklären, es ginge ihm gar nicht um die Bedeutung, sondern um ganz andere Aspekte der Ausdrücke. Vielleicht um die Gefühle, die die Verwendung der fraglichen Worte mit sich bringt. Oder um die Tatsache, dass die Worte symptomatisch sind für bestimmte politische Verhaltens- oder Sichtweisen. Schließlich kann er viertens behaupten, dass es ihm weder um die Bedeutung noch um andere Aspekte der Ausdrücke geht, sondern dass er in seinem Spiel mit der Sprache einfach die Chance sah, seiner Umwelt einmal seine Meinung zu sagen – in diesem Fall seine Meinung zur Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Er kann dann an mich appellieren, das gleiche zu tun.
Was soll ich davon halten? Zur ersten Strategie, also des Angriffes auf meine bedeutungstheoretischen Überzeugungen, wollte ich hier nichts schreiben, und die Beweislast liegt sicher nicht bei mir. Zur zweiten Strategie – das Beharren auf inferenzielle Unterschieden – ist zunächst auch nur zu sagen, dass die Beweislast dafür erst einmal nicht bei mir liegt, und dass ich es zudem für völlig unplausibel halte, dass die inferenziellen Eigenschaften von „mensch“ sich irgendwie unterscheiden von denen von „man“. Freilich, bei „Neger“ oder „Saupreuße“ ist das anders. Diese Bezeichner haben in der Tat andere inferenzielle Profile als „Mensch schwarzer Hautfarbe“ oder „Mensch preußischer Herkunft“, und dies ist genau der Grund, warum ich mich weigere, „Neger“ oder „Saupreuße“ zu sagen. Im Fall von „mensch“ können wir so etwas aber kaum behaupten, denn die Idee ist ja gerade, dass er immer und genau dann verwandt wird, wenn andere Leute „man“ sagen würden. Die dritte Strategie ist wohl die am häufigsten vertretene, oder besser: es ist die Strategie, auf die sich die meisten politisch korrekten Sprach-Veränderer auf Nachfrage zurückziehen. Es gehe ihnen nicht um die Bedeutung, sondern um andere Aspekte des Wortes, vielleicht um die Gefühle, die es auslöst, oder um die Dinge, für die es „steht“. Ich werde nächste Woche dazu etwas schreiben, weil ich darüber sowieso gerade im Rahmen meiner Arbeit nachdenke An dieser Stelle nur so viel: Wenn ich „man“ sage, habe ich dabei überhaupt keine Gefühle. Wenn ich „mensch“ sage, auch nicht – bis auf die beschriebene Tatsache meiner Unruhe, doch die liegt einfach daran, dass das Wort so ungewohnt ist und daher besonders auffällt. Ebenso unbefriedigend finde ich die Idee, dass ein Wort ein Symptom für etwas ist, und zwar auf eine Weise, die uns von der weiteren Verwendung abhalten sollte. Es ist natürlich wahr, dass Wörter oft gesellschaftliche Realitäten reflektieren, aber sie befreien sich immer über kurz oder lang ganz von selbst von den unangenehmen Umständen ihrer Einführung. Sogar „Idiot“ ist heute eine akzeptable Bezeichnung für Idioten (zur Etymologie geht es hier).
Anders ist es bei der letzten Strategie. Denn diese leuchtet mir ein. Wer „mensch“ statt „man“ sagt und dann die Aufmerksamkeit nutzen will, die ihm durch das ungewohnte Wort zuteil wird, der will ganz einfach mittels eines kleinen Spiels mit der Sprache etwas mitteilen. Und das ist auch in Ordnung. Aber obwohl ich mit der intendierten Mitteilung durchaus einverstanden bin, gibt mir dies zwei Gründe, doch beim „man“ zu bleiben. Erstens sind die Leute, mit denen ich normalerweise rede, bereits von dem Gebot der Geschlechtergerechtigkeit überzeugt. Ich glaube, ich würde sie nerven, wenn ich mit der gleichen Sache immer wieder ankomme, und außerdem wäre es viel interessanter, mit ihnen darüber zu reden, was genau das Gebot eigentlich impliziert. Zweitens funktioniert der Trick nur dann, wenn das Wort „mensch“ eine Ausnahme bleibt. Wenn alle es verwenden würden, dann würde es ja wieder keinem auffallen. Vielleicht wäre es am besten, wenn wir in dem Fall, dass wir etwas zu sagen haben – es einfach sagen.
Das letzte Stück der Torte steht im Kühlschrank. Es gehört jemand anderem, aber man hat noch Appetit. Also was solls, eine kleine Scheibe kann man sich ja noch abschneiden. Das merkt keiner und wenn, dann störts keinen. Ganz gerade geschnitten war das aber nicht… Das muss man noch begradigen. Also noch eine kleine Scheibe.
