Archiv des Monats Januar 2007

Wiederverwertung

von Matthias Kiesselbach
Sonntag, 21. Januar 2007

Der hessische Wertekodex

Es sind scheinbar immer die nebulösesten Begriffe, die mit der größten Regelmäßigkeit durch die Pressekonferenzen, Wahlkampfveranstaltungen, Fernsehberichte, und am Ende immer auch durch die Feuilletons geistern.Der neueste große Liebling der redenden und schreibenden Öffentlichkeit ist der schillernde Begriff des “Wertes”. Zwar ist die Diskussion um ihn nicht viel spannender als eine Dauerwerbesendung auf 9-Live, doch kommt man nicht umhin, einen gewissen Respekt vor diesem Begriff zu empfinden, der es in gar nicht so langer Zeit von ganz unten nach ganz oben geschafft hat.

Respekt, denn er hat es nicht nur weit gebracht - er hat dies sogar geschafft, obwohl er völlig unklar und in seiner plausibelsten Interpretation so gut wie leer ist. Ein feines Beispiel des Mysteriums des Begriffes ist Hans Joas’ Buch Die Entstehung der Werte, das zwar einige Versuche der Definition diskutiert, aber letztlich kein Licht ins Dunkel zu bringen vermag. Ich glaube, der Begriff des Wertes kann deswegen so schlecht definiert werden, weil seine Verwendung im politischen Diskurs letztlich mit zwei inkompatiblen Funktionen verbunden ist.

Zum einen wollen wir mit der Rede von Werten so etwas ähnliches wie Sitten oder lokale Eigenheiten benennen. Zwar bedenken wir nicht alle Sitten und Eigenheiten mit dem Begriff des “Wertes”, vielmehr nennen wir so nur solche Sitten oder Eigenheiten, die im weitesten Sinne mit ethischen Vorstellungen oder Haltungen zu tun haben. Auf jeden Fall aber beziehen wir uns mit dem Begriff des Wertes auf ganz partikulare Gebräuche, also auf Dinge, die in unterschiedlichen Orten und Zeiten ganz unterschiedlich sein können.Zum andern aber wollen wir mit dem Begriff des Wertes noch etwas ganz anderes, nämlich etwas durch und durch “Universalistisches”, tun: Wir wollen sagen, dass die Sitte, die wir mit dem Begriff des “Wertes” adeln, per se Respekt und Tolerierung verdient. Per se - also unabhängig von ihrem partikularen Kontext. Indem wir eine Sitte “Wert” nennen, sprechen wir uns dafür aus, ihr Wertschätzung zukommen zu lassen, ob sie nun geteilt wird oder nicht und unabhängig davon, wo oder wie sie in Erscheinung tritt.

Die große Frage ist, ob es wirklich sinnvoll ist, bloß ein Wort für diese zwei ganz unterschiedlichen pragmatischen Funktionen zu haben.

Ich glaube nicht. Und aus einem einfachen Grund: Die Rede von “Werten” nimmt uns zwei ziemlich wichtige expressive Möglichkeiten, nämlich erstens den Verweis auf kritikwürdige ethische Vorstellungen, und zweitens den Verweis auf lobenswerte nicht-ethische Sitten. Die Rede der “Werte” zwingt uns im ersten Fall zu der holprigen Formulierung des “schlechten Wertes” und im zweiten Fall zur fast noch merkwürdigeren Formulierung des “nicht-ethischen Wertes”. Wollen wir diese Formulierungen vermeiden und dennoch nicht den Diskurs der “Werte” verlassen - dann müssen wir schweigen.

Dies, finde ich, ist ein vorzüglicher Grund, den “Werte”-Diskurs zu ersetzen mit einem anderen Diskurs. Und welcher wäre besser geeignet als der etwas altmodische, aber immer noch voll funktionsfähige, Diskurs der “Sitten” einerseits, und der (leider ebenfalls etwas altmodische) Diskurs des “Guten” andererseits. Mit ersterem beziehen wir uns auf lokale Eigenheiten, mit letzterem loben oder tadeln wir sie - oder enthalten uns des Urteils. (Das ist wichtig: Auch zur Enthaltung taugt das Wort “gut” wesentlich besser als das Wort “Wert”!)

Ein interessanter Nebeneffekt dieser vorgeschlagenen Sprechweise wäre es übrigens, dass die gesamte Diskussion um Fragebögen zur Erfassung der Werthaltungen unserer uneingebürgerten Mitbürger als das erkennbar wird, was sie ist: Ein einziges absurdes, aber ausgrenzendes, Nichts. Denn wieso Immigrantenkinder deutsche Sitten auswendig lernen sollen, das ist völlig mysteriös. Ich finde jedenfalls, dass ein Deutschtürke überhaupt nicht wissen muss, dass ein guter Deutscher am Samstagabend “Wetten Dass” guckt - geschweige denn, dass er selber “Wetten Dass” gucken muss. Wenn aber ernsthaft gefordert wird, dass unsere Immigrantenkinder in sogenannten Integrationskursen im Ausländeramt gut und schlecht auseinanderzuhalten lernen - dann, ja, dann wäre der populären Integrationsforderung die Maske entrissen, und ihre Anmaßung wäre offenbar. Vielleicht ist dies der eigentliche Grund, warum wir mit solcher Inbrunst über Werte reden.